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04.05.2017

EU-Biozidverordnung: Chloratgehalte im Trinkwasser durch Verwendung von Trinkwasserdesinfektionsmitteln

In den letzten Monaten ist im Zuge der Umsetzung der EU-Biozidverordnung (EU) Nr. 528/2012 eine Diskussion zu den tolerablen Rückstandsmengen beim Einsatz von Bioziden entstanden.


Die Wasserversorgungspraxis ist insofern betroffen, als die Trinkwasserdesinfektionsmittel als Produktart 5 in der Verordnung geregelt sind. Aus Sicht des DVGW wie auch von EurEau muss sichergestellt werden,  dass ein hinreichender Einsatz von Natriumhypochloritlösung und Chlordioxidlösung zur Trinkwasserdesinfektion möglich bleibt.

Vor diesem Hintergrund wurden bereits im Sommer 2016 das BMUB (dort ist die Biozidverordnung als Rechtsakt angesiedelt), das BMG (da es sich um eine Frage im Kontext mit der Trinkwasserversorgung handelt) und das BMEL (dessen Expertise wird bei der Betrachtung von Rückstandsmengen auf Lebensmitteln eingeholt) kontaktiert und über den Sachverhalt informiert. Außerdem wurden die Ministerien gebeten, sich bezüglich einer gemeinsamen Positionierung in der für die Umsetzung der Verordnung eingerichteten Gruppe zuständiger Behörden bei der EUKommission unter Leitung der  Generaldirektion Gesundheit abzustimmen. Parallel wurde die Problematik in einem EurEau-Positionspapier dargelegt und in Gesprächen mit der zuständigen Generaldirektion Gesundheit erörtert.

Hintergrund

Aus der Diskussion und den Dokumenten, die zirkulierten, war zu erkennen, dass sich die Kommission an der Verordnung (EG) Nr. 396/2005 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 23. Februar 2005 über Höchstgehalte an Pestizidrückständen in oder auf Lebens- und Futtermitteln pflanzlichen und tierischen Ursprungs und an der Änderung der Richtlinie 91/414/EWG des Rates orientierten wollte. Nach dieser Verordnung wird für alle Pestizide und Pflanzenschutzprodukte, die keine Zulassung mehr haben, ein Grenzwert von 0,01 mg/kg festgelegt. So soll sichergestellt werden, dass Pestizide ohne Zulassung nicht zum Einsatz kom-men. Der Grenzwert von 0,01 mg/kg der Höchstgehalte-Verordnung hätte in diesem Fall auch für Chlorat gegolten, da Natriumchlorat früher als Herbizid zum Einsatz gekommen ist, heute jedoch keine Zulassung mehr besitzt.

DVGW-Forschung

In einem DVGW-Forschungsvorhaben wird derzeit ein Messprogramm durchgeführt, um aktuelle Daten zum Vorkommen von Chlorat im Prozess der Wasseraufbereitung zu erhalten. Eine erste Auswertung hat ergeben, dass in Deutschland beim Einsatz von Hypochloritlösungen und Chlordioxid für die Desinfektion von Trinkwasser bei üblicherweise eingesetzten Chlorzugabemengen von 0,3 bis 1,2 mg/l Cl2 bzw. 0,1 bis 0,4 mg/l ClO2 im Trinkwasser mit Chloratkonzentrationen zwischen 10 und 100 ?g/l zu rechnen ist. Das Chlorat stammt beim Einsatz von Hypochlorit zum einen aus der konfektionierten Hypochloritlösung. Zum anderen kann Chlorat bei längerer Lagerung der Desinfektionsmittellösung entstehen.

Beim Einsatz von Chlordioxid sind sowohl der Chloratgehalt der Stammlösung als wahrscheinlich auch  die Chloratbildung als Folge von Nachreaktionen im Verteilungsnetz für die im Trinkwasser nachgewiesenen Chloratkonzentrationen verantwortlich. Auch in diesem Fall ist je nach Dosiermenge im Trinkwasser mit Chloratkonzentrationen von 10 bis 100 ?g/l zu rechnen. Höhere Konzentrationen können wahrscheinlich durch eine Optimierung der Herstellung, Lagerung und Dosierung verhindert werden. Detailliertere Aussagen werden im Ergebnis der laufenden Untersuchungen erwartet.

Stellungnahme der deutschen Biozidzulassungsstelle Zwischenzeitlich hat das BMUB die Bundesstelle für Chemikalien (BfC) bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin gebeten, zum Einsatz von Trinkwasserdesinfektionsmitteln im Kontext der Biozidverordnung Stellung zu nehmen. Die BfC führt hierzu aus:

„Desinfektionsnebenprodukte (DBPs) entstehen während des Desinfektionsprozesses durch die Reaktion von chemischen Desinfektionsmitteln mit den organischen und anorganischen Verbindungen, die natürlich im Wasser vorkommen. Chlorat ist ein typisches Desinfektionsnebenprodukt, welches während der Trinkwasseraufbereitung mit chlorhaltigen Mitteln wie Chlor, Chlordioxid oder Hypochlorit entstehen kann bzw. in diesen enthalten sein kann. Chlorate (Natriumchlorat, Kaliumchlorat) selbst wirken als Pflanzenschutzmittel und als Desinfektionsmittel. In der gesamten EU ist die Anwendung von chlorathaltigen Pflanzenschutzmitteln seit 2010 jedoch verboten und die Verwendung von Chloraten als Biozidwirkstoff ist ebenfalls nicht zulässig.“

Entsteht Chlorat als Desinfektionsnebenprodukt beim Einsatz chlorhaltiger Biozidwirkstoffe, so greift nach Auffassung der deutschen Biozidzulassungsstelle nicht der Artikel 19 (1) e) der Biozid-VO, welcher ausschließlich Rückstandshöchstmengen für Biozidwirkstoffe adressiert. Daher kommt der derzeitige Vorschlag der Kommission zum Umgang mit Rückstandshöchstmengen für Biozidwirkstoffe in diesem Fall nicht zum Tragen.

Bei der Zulassung eines Trinkwasserdesinfektionsmittels wäre Chlorat jedoch gegebenenfalls als relevanter Rückstand (relevanter Metabolit) des Biozidprodukts im Trinkwasser zu betrachten. Um Chloratrückstände in diesem Zusammenhang zu bewerten, könnten vorhandene Richtwerte (entweder der WHO oder der EFSA) herangezogen werden.

Fazit

Für Chlorat, welches rechtlich als nicht mehr zulässiges Pflanzenschutzmittel definiert ist, gilt derzeit nach der Verordnung (EG) Nr. 396/2005 aus dem Pflanzenschutzmittelrecht ein EU-weiter Höchstgehalt von 0,01 mg/kg . Dieser allgemeine Grenzwert gilt für Lebens- und Futtermittel pflanzlichen und tierischen Ursprungs und ist bei der Betrachtung von Chlorat-Rückständen im Trinkwasser nicht anwendbar. Nach Auffassung der BfC ist ein hinreichender Einsatz von Natriumhypochloritlösung und Chlordioxidlösung zur Trinkwasserdesinfektion auch künftig möglich.