Daseinsvorsorge

Zur Bedeutung der Digitalisierung in der Wasserwirtschaft

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Fernwirktechnik und digitale Bürokommunikation sind schon heute Standard in der Wasserwirtschaft. Was also ist neu an der aktuellen Digitalisierungswelle und welche Wirkung entfaltet sie?

Im September 2018 hat der ver.di-Bundesfachgruppenvorstand Wasserwirtschaft die Positionierung der ver.di zur Digitalisierung in der Wasserwirtschaft beschlossen. Wir haben mit Clivia Conrad, Bundesfachgruppenleiterin Wasserwirtschaft, und Andreas Kahlert, Sprecher der Bundesfachgruppe Wasserwirtschaft und Betriebsratsvorsitzender der Wasserwerke Westfalen, über Sachstand, Fragen und Forderungen der ver.di gesprochen.

Die Wasserwirtschaft steht derzeit vor einem neuen Investitionszyklus, der stark durch den Megatrend der Digitalisierung beeinflusst wird. Was ist dabei in der Wasserwirtschaft anders als in anderen Branchen?

Clivia Conrad: Anders als z. B. in der Energiewirtschaft müssen Digitalisierungsentscheidungen in der Wasserwirtschaft nicht aus Wettbewerbsgründen getroffen werden. Stattdessen sollten Betriebszweck, Beschäftigteninteressen und der Nutzen für die Kundinnen und Kunden im Vordergrund stehen. Grundaufgabe der Wasserwirtschaft ist es, die Bürgerinnen und Bürger jederzeit mit einwandfreiem Trinkwasser zu versorgen, Abwasser korrekt abzuleiten und zu behandeln. Diese Dienstleistungen der öffentlichen Daseinsvorsorge sollen so effizient wie möglich erbracht werden, damit nur die notwendigen Kosten entstehen und umgelegt werden müssen. Die Digitalisierung in der Wasserwirtschaft sollte deshalb nicht einfach blind, sondern mit Bedacht umgesetzt werden.

"Die vielfach vertretene These 'Es wird digitalisiert, was digitalisiert werden kann' ist für die Daseinsvorsorge untauglich."

Ist es für die Wasserwirtschaft nicht auch wichtig, sich an Innovationen und Entwicklungsprozessen zu beteiligen?

Andreas Kahlert: Wichtig ist eine zukunftssichere Perspektive, damit keine unnötigen Investitionen getätigt werden. Die vielfach vertretene These „Es wird digitalisiert, was digitalisiert werden kann“ ist für die Daseinsvorsorge untauglich. In der Wasserwirtschaft muss es heißen: Es wird digitalisiert, wenn und soweit es dem Zweck der sicheren Versorgung bei hoher Qualität dient und gleichzeitig nachhaltig und wirtschaftlich ist sowie der Kundenzufriedenheit nutzt.

Welche Investitionsentscheidungen sind im Sinne einer zukunftssicheren und nachhaltigen Versorgungs- und Geschäftspolitik?

Clivia Conrad: Damit Kommunen ihrer Verantwortung der Daseinsvorsorge gerecht werden können, müssen sie auf die Entscheidungen im Unternehmen Einfluss haben. Dieser Einfluss kann nicht nur durch organisatorische Entscheidungen, wie z. B. die Privatisierung verloren gehen, sondern auch durch Entscheidungen für eine bestimmte Technik. Dessen muss man sich bewusst sein. Deshalb sollten nur solche Investitionen getätigt werden, die eine politische und unternehmerische Einflussnahme im Interesse des Gemeinwohls weiterhin zulassen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Andreas Kahlert: Wenn statt neuer Pumpen z. B. nur noch die Dienstleistung „Pumpenlaufzeit“ gekauft wird, kann das rein wirtschaftlich betrachtet zwar eine sinnvolle Entscheidung sein, aber gleichzeitig geben die Unternehmen und die Politik ihren Einfluss auf die eigene Infrastruktur damit auf. Oder wenn neue Pumpen das Internet der Dinge nutzen sollen, ist das nicht einfach nur modern. Es sind dann viele Entscheidungen zu treffen, beispielsweise wem diese Pumpe Wartungsbedarf melden soll – dem Hersteller oder der Leitwarte? Wer entscheidet dann, ob der Meldung gefolgt wird? Der Hersteller oder die Beschäftigten auf der Leitwarte? Und wem gehören die Daten, die diese Pumpe sammelt? Was bedeutet das für den Schutz Kritischer Infrastrukturen? Diese Fragen stellen sich bei komplexeren Investitionen umso mehr und sie müssen offen diskutiert werden. Womöglich kann dies auch dazu führen, dass zugunsten der Sicherheit oder des politischen Einflusses auf die allerneuste Technik verzichtet wird.

Welche Rolle wird der Austausch mit anderen Branchen und Akteuren spielen?

Clivia Conrad: Schon jetzt wachsen öffentliche Wasserwirtschaft, Energiewirtschaft und Abfallwirtschaft zusammen – sei es bei erneuerbaren Energien, virtuellen Kraftwerken oder der Klärschlammverwertung. Sich hier auch unter Gesichtspunkten der Digitalisierung zu vernetzen und Anlagen, Software oder Daten zu teilen ist wichtig. Das gilt insbesondere dann, wenn zu erwarten ist, dass branchenfremde Akteure ihre Geschäftsmodelle zwischen die Betriebe und Dienststellen und ihre Kundinnen und Kunden setzen könnten.

"Die öffentliche Hand muss in der Lage sein, die Daten selbst auszuwerten"

Warum ist das so wichtig?

Andreas Kahlert: Der riesige Datenschatz, der in der öffentlichen Daseinsvorsorge entsteht, ist Gemeingut. Diese Daten werden für vielfältige Auswertungen gebraucht, die notwendige Grundlage für weitreichende Entscheidungen im Interesse der Allgemeinheit sind. Deshalb muss die öffentliche Hand in der Lage sein, die Daten selbst auszuwerten. Von Externen betriebene smarte Wasserzähler könnten z. B. die öffentliche Daseinsvorsorge schädigen, weil diese Daten dann teuer eingekauft werden müssen. Kommunale Unternehmen sollten deshalb frühzeitig Kooperationen mit- und untereinander suchen.

Wie wird die Digitalisierung die Arbeitsorganisation und -abläufe, aber auch die Qualifikationsanforderungen verändern?

Clivia Conrad: Aktuell wird am Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) u. a. am Beispiel der Fachkraft für Abwassertechnik untersucht, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf das Berufsbild bereits hat und welche noch zu erwarten sind. Dabei lassen sich bereits zwei Trends erkennen: Zum einen wird künftig noch mehr Verständnis für den Gesamtprozess benötigt, damit im Schadensfall ein manueller Eingriff in die Anlage sinnvoll möglich ist. Zum anderen wird das „Lernen lernen“ noch mehr Gewicht erlangen, denn es ist mit immer schnelleren Innovationszyklen zu rechnen, sodass die Halbwertszeit des IT-Wissens immer kürzer wird. Diese Beschreibung lässt sich auf zahlreiche Berufsfelder übertragen und darauf müssen die Arbeitgeber Antworten finden. Haltungen wie „Das bringen die ‚digital natives‘ doch mit“, „Die holen wir uns vom Arbeitsmarkt“ oder „Das lernen die nach Feierabend“ gefährden die Versorgungssicherheit. Denn der Renteneintritt der Baby-Boomer, die viel Prozesswissen mitnehmen, trifft mit den sinkenden Zahlen der Schulabgängerinnen und Schulabgänger und den erhöhten Qualifikationsanforderungen zeitlich zusammen.

Welche Rolle spielt die Personalentwicklung bei der Investitionsplanung?

Andreas Kahlert: Eine Investitionsplanung, die keinen Personalentwicklungsplan enthält, ist unvollständig und führt im Zweifel zu Fehlinvestitionen. Es muss sichergestellt sein, dass die notwendigen Beschäftigten mit der erforderlichen Qualifikation spätestens zum Zeitpunkt der Inbetriebnahme am richtigen Arbeitsplatz sind. Auch müssen die Beschäftigten in der Lage sein, die Prozesse manuell wieder in Gang zu setzen für den Fall, dass diese Technik doch einmal ausfällt. Eine entsprechende Qualifizierung sollte umfassend und frühzeitig während der Arbeitszeit und auf Kosten des Arbeitgebers stattfindet.

"Wenn es Produktivitätsgewinne tatsächlich gibt, müssen diese anders als in der Vergangenheit zugunsten 'guter Arbeit' eingesetzt werden."

Im Zusammenhang mit der Digitalisierung wird oft der Verlust von Arbeitsplätzen befürchtet. Ist diese Befürchtung gerechtfertigt?

Clivia Conrad: Ob, und wenn ja wo einzelne Aufgaben oder ganze Arbeitsplätze durch die Digitalisierung fortfallen, ist unklar und hängt von konkreten Investitionsentscheidungen ab. Inwieweit das auch einen Stellenabbau bedeutet, ist ebenfalls unklar, denn es werden auch Aufgaben neu hinzukommen. Erheblich ist u. a., dass versprochene Personaleinsparungen durch vollautomatische Anlagen erstmal in der Realität eintreten müssen, ehe den Kolleginnen und Kollegen tatsächlich neue Aufgaben zugewiesen werden können. Die Beschäftigten sollten in die Prozesse mit eingebunden werden, denn mit ihrem Expertenwissen können sie Fehlinvestitionen häufig verhindern, nützliche Maßnahmen identifizieren und den Qualifikationsbedarf beziffern. Die Befürchtung, Digitalisierung führe zu massivem Arbeitsplatzabbau, gründet sich außerdem auf der Annahme, es gäbe Produktivitätssteigerungen, die einseitig den Gewinnen zugeschlagen werden. Wenn es diese Produktivitätsgewinne tatsächlich gibt, müssen diese aber anders als in der Vergangenheit zugunsten „guter Arbeit“ eingesetzt werden. Wenn Algorithmen hier tatsächlich standardisierbare Aufgaben übernehmen können, muss die freiwerdende Zeit für anspruchsvolle und kreative Aufgaben zusätzlich zur Verfügung stehen und darf nicht wegrationalisiert werden. Sie kann auch für Arbeitszeitverkürzung, Qualifizierung und andere Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen genutzt werden.

Was erwarten Sie im Rahmen der Digitalisierung von den Unternehmen der Wasserwirtschaft hinsichtlich des Umgangs mit ihren Kundinnen und Kunden?

Clivia Conrad: Bei der Entscheidung, welche Geschäftsmodelle und Kommunikationswege sie anbieten und wie sie diese gestalten, tragen die Unternehmen eine hohe Verantwortung gegenüber ihren Kundinnen und Kunden. Davon abhängig entstehen Datenströme zu Dritten, gibt es elektronische Einfallstore in die Haushalte oder kann eine Kundin bzw. ein Kunde verschlüsselt elektronisch kommunizieren. Die Bürgerinnen und Bürger müssen immer auch offline mit ihrem Ver- und Entsorger in Kontakt treten können. Betriebe und Dienststellen müssen diese Aspekte verantwortungsvoll erwägen und die Kundinnen und Kunden jederzeit proaktiv über die Chancen und Risiken der jeweiligen Nutzung informieren.

Frau Conrad, Herr Kahlert, wir danken Ihnen für das Gespräch.