gat | wat 2019

Licht und Schatten des Klimapakets

DVGW

Ein Kommentar von Prof. Dr. Gerald Linke, Vorstandsvorsitzender des DVGW

Über zwei Monate sind mittlerweile vergangen, seitdem die Bundesregierung ihre Entscheidungen zum Klimapaket verkündet hat – genug Zeit also, um nun mit kühlem Kopf und ausreichend Abstand zu der unmittelbaren Aufgeregtheit vieler Kommentare kritisch auf die getroffenen Beschlüsse zu schauen. Gleichzeitig liegt mittlerweile das vom Bundeswirtschaftsministerium erarbeitete Strategie-Papier „Gas 2030 – eine erste Bilanz“ vor, das ein klares Bekenntnis zum Energieträger Gas umfasst. Leider wurden in dem Klimapaket nur wenige Ansätze aus diesem Papier berücksichtigt.

Das Klimaschutzprogramm bedarf einer differenzierten Betrachtung, denn es soll nicht nur der Erfüllung des Titels „Klimaschutz“ dienen. Vielmehr soll es dabei helfen, dass Deutschland seine Stellung als innovativer Anbieter und Leitmarkt für klimafreundliche Technologien ausbaut und damit einen positiven Impuls für Wachstum und Wohlstand setzt. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob das dafür vorhandene Repertoire an techno-ökonomischen Möglichkeiten ausgewogen ausgeschöpft wurde, um dem Anspruch gerecht zu werden, gleichermaßen beide Ziele zu erreichen.

"Der Industriestandort Deutschland braucht eine Zwei-Energieträger-Landschaft, bestehend aus Molekülen und Elektronen."

Erkannt wurde, dass vorhandene Infrastrukturen für die Aufgabe der Energieverteilung, der Systemvernetzung und der Effizienzsteigerung essenziell sind. Doch von einer der größten Infrastrukturen, dem deutschen Erdgasnetz, ist leider keine Rede. Erwähnt wird hingegen die vergleichsweise geringe Anzahl an Elektrofahrzeug-Ladestationen. Ein Fundamentfehler – die Empfehlungen des Klimakabinetts steht damit auf einem Bein: dem Ausbau der erneuerbaren Energien, gepaart mit der nicht neuen Hoffnung, die Wunderwaffe der Energieeffizienz dürfe das ihrige tun, um trotz der bekannten Probleme beim Ausbau der erneuerbaren Energien und des Stromnetzes irgendwie doch noch ans Ziel zu kommen.

"Um im Kohleausstieg nicht ein Kollabieren der Netze und eine noch stärkere Abhängigkeit von Stromimporten zu riskieren, bedarf es eines klaren Bekenntnisses zum Energieträger Erdgas."

Eine Zwei-Energieträger-Landschaft, bestehend aus Molekülen und Elektronen, ist aber genau das, was der Industriestandort Deutschland braucht. Um im Kohleausstieg nicht ein Kollabieren der Netze und eine noch stärkere Abhängigkeit von Stromimporten zu riskieren, bedarf es eines klaren Bekenntnisses zum Energieträger (Erd)Gas, wie es auch das BMWi-Papier ausführlich skizziert. Gleichzeitig ist der Energieträger Gas die einzige Chance, um im Spannungsfeld der zwei divergierend angelegten Maximen, Klimaschutz und Wirtschaftsstärkung, ans Ziel zu kommen – und dies, ohne Versorgungssicherheit und Sozialverträglichkeit zu opfern. Diesen Teil der systemischen Entwicklung bis 2030 hat das Klimakabinett nicht mitgedacht, wohl aber die Notwendigkeit, in einer Zwei-Energieträger-Welt auch beide Träger stetig zu de-fossilisieren. Hier spielen Wasserstoff und Synthesegas auf der Seite der molekularen Energieträger eine Schlüsselrolle.

Erfreulicherweise werden die zur Markteinführung dieser erneuerbaren Gase, einschließlich sogenannter blauer Gase, notwendigen Hürden erkannt und adressiert: Es bedarf einer exakten Legaldefinition, der Anpassung des Ordnungsrahmens für eine Marktöffnung und einer Privilegierung von emissionsärmeren und klimafreundlichen Gasen, etwa durch einen relativen CO2-Bonus. Letzteren kann man auch über eine Besteuerung der Fossilen erreichen, so wie im Papier angelegt. Dabei sollte man die unmittelbare mediale Kritik und Klassifizierung an der ab 2021 geplanten eskalierenden CO2-Bepreisung als „zu niedrig“ nicht uneingeschränkt teilen. Denn ein CO2-Preis außerhalb des europäischen Emissionshandelssystems setzt eine Signalwirkung und ist in späteren Jahren ausbaubar.

"In der cleveren Kombination aus Technologieverbesserung und stetiger, anteiliger Defossilisierung des Energieträgers Gas liegt eines der größten Potenziale zur Effizienzsteigerung und Emissionsminderung."

Im Gebäudesektor wiederum gilt es, einen „schlafenden Riesen“ zu wecken: die Modernisierung der Millionen überalterten Heizungssysteme. Zukünftig können und werden daher Erdgasheizungen als Hybridsystem weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Die gewählten Formulierungen im Klimaschutzpapier lassen aber auch eine Lesart zu, nach der Heizungssysteme mit anteiligem Biogas oder Wasserstoff begünstigt würden. An dieser Stelle bedarf es daher noch weiterer Klarstellungen. Denn in der Tat liegt in der cleveren Kombination aus Technologieverbesserung und stetiger, anteiliger Defossilisierung des Energieträgers eines der größten Potenziale zur Effizienzsteigerung und Emissionsminderung.

Erdgasanwendungen bieten diese Kombination nicht nur im Wärmesektor, sondern auch im Verkehr und in der Stromerzeugung. Im Mobilitätssektor erkennt das Klimaschutzprogramm die Relevanz von synthetischen Kraftstoffen. Deutschland braucht in diesem seit Jahren emissionstechnisch stagnierenden Gebiet die Technologieoffenheit und mehr als nur den relativ simplen Trumpf der E-Mobilität, der bis heute nicht gestochen hat. Erst kürzlich haben sich diverse Institutionen zu Wort gemeldet, um auf die Gefahr des Verschlafens einer gasbasierten, emissionsarmen Mobilitätsstrategie aufmerksam zu machen und den Ausbau der Wasserstoff- und Synthesegas-Mobilität zu fordern. Rund wird diese Story wiederum nur durch den Einsatz von Erdgas. Gerade beim Transport schwerer Lasten, im maritimen Bereich und beim ÖPNV ist dies der Energieträger, der bis zum Jahr 2030 Emissionsminderungseffekte erzielen kann und eine Anschlussfähigkeit an den späteren Synthesegaseinsatz bietet. Hier leidet das Klimaschutzprogramm unter dem Konstruktionsfehler, nicht stringent als Zwei-Energieträger-Strategie angelegt worden zu sein.

Im Industriesektor kündigt das Klimaschutzprogramm eine Förderung zur „möglichst weitgehenden Minderung der Treibhausgas-Emissionen bei der Produktion emissionsintensiver Güter, die Optimierung von  Prozessketten, die Umstellung der Verfahren auf den Einsatz erneuerbarer Energieträger und Rohstoffe sowie die Substitution emissionsintensiver Güter und Technologien (…)“ an. Diese relativ offen gehaltene Formulierung lässt erkennen, dass man um die Relevanz von Energiegasen in diesem Sektor weiß. In der Tat verfügt die Industrie über vielversprechende Innovationen wie etwa die Pyrolyse zur emissionsfreien Wasserstofferzeugung. Weiterhin gibt es Ansätze zur wasserstoffbasierten Stahlerzeugung oder zur zwischen Strom und Gas systemgekoppelten Prozessoptimierung. Nun kommt es darauf an, diese zu Industrie-Standards „Made in Germany” zu entwickeln und weltweit zu vermarkten.

"Um parallel zu den Klimabemühungen die Stärkung der deutschen Innovationskraft und des Industriestandortes zu erreichen, fehlen im Klimaschutzprogramm verbindliche Aussagen in Bezug auf Kompetenzerhalt und zum weiteren Ausbau der Power-to-Gas-Technologie".

Generell darf die Sektorenkopplung nicht als Einbahnstraße verstanden werden. Es geht nicht nur um die Veredelung von Strom aus erneuerbaren Quellen zu Synthesegas, sondern auch um die Dekarbonisierung von Anwendungen durch den Einsatz von immer grüner werdenden Gasen und damit um einen klaren Ausbau- und Entwicklungspfad der molekularen Energieversorgung. Auch ein paar Reallabor-Schwalben machen noch keinen Energiewende-Sommer. Um parallel zu den Klimabemühungen die Stärkung der deutschen Innovationskraft und des Industriestandortes zu erreichen, fehlen im Klimaschutzprogramm verbindliche Aussagen in Bezug auf Kompetenzerhalt und zum weiteren Ausbau der Schlüsseltechnologien der Gaswirtschaft. Power-to-X-Anwendungen sowie Elektrolyse- und Brennstoffzellenfertigung sind hier insbesondere zu nennen.

Deutschland sollte nicht nur in der Batteriefertigung, sondern auch in der Gas- und Wasserstofftechnologie konkurrenzfähig aufgestellt sein. Dort sind im internationalen Quervergleich die Startbedingungen noch relativ erfolgversprechend. Die Abschlussempfehlungen des vom Wirtschafts- und Energieministerium erarbeiteten Dialogprozesses Gas 2030 greifen genau diese Punkte auf. Die Bundesregierung hätte gut daran getan, diese Punkte ins Klimapaket mit aufzunehmen.