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Zur BMWi-Gasstrategie 2030

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Auf dem Weg in die Zwei-Energieträger-Welt: Gas und Gasinfrastrukturen werden zur dritten Säule der Energiewende-Strategie Deutschlands und sind damit Teil der Lösung.

Am 9. Oktober 2019 hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier den Bericht seines Hauses „Gas 2030 – eine erste Bilanz“ mit dem Kurzfazit „Gas ist sexy“ vorgelegt. In diesem wird erstmals seit Beginn der Energiewende in Deutschland die Sicht des BMWi auf den Energieträger Gas, seine Infrastrukturen und Anwendungen dargelegt.

Idee und Impuls zum „Gas 2030“-Dialog kamen zur rechten Zeit, denn die nun vorliegende „Erste Bilanz“ ist eine fundamental neue und konzeptionell richtige Weiterentwicklung der vor zehn Jahren initiierten Energiewende. Ergänzt wird die Veröffentlichung durch ein ausführliches Hintergrundpapier.

von: Dr.-Ing. Volker Bartsch, DVGW-Büro Berlin

In „Gas 2030“ formuliert das Bundeswirtschaftsministerium erstmals schriftlich ein klares Bekenntnis zum Energieträger Gas, das auch die dazugehörigen Infrastrukturen und Anwendungen umfasst. Dieser Schritt schafft nach Jahren der Verunsicherung durch die sogenannte „All-Electric-World“ nun Planungssicherheit für die gesamte Branche – eine Tatsache, die sich auch im zentralen Fazit des Papieres widerspiegelt:

„Als erste Bilanz des Dialogs ist festzuhalten, dass gasförmigen Energieträgern in der Energieversorgung der Zukunft weiterhin eine zentrale Rolle zukommen wird. Einerseits werden sie langfristig notwendiger  Bestandteil des deutschen Energiesystems sein. Gleichzeitig setzen unsere ambitionierten Klimaschutzziele einen grundlegenden Transformationsprozess in Gang, der einen Wechsel zu CO2-freien bzw. -neutralen gasförmigen Energieträgern auslösen wird.“

Auch für die Gasinfrastruktur sieht das Ministerium eine langfristige Wachstumsperspektive:

„Bis 2030 und auch darüber hinaus wird die Gasinfrastruktur eine wichtige Rolle für die Energieversorgungssicherheit und die Deckung der Gasnachfrage spielen. Hierfür muss sie ausgebaut und weiterentwickelt werden.“

Gas und Gasinfrastrukturen würden somit zur dritten Säule der Energiewende, neben den bereits existierenden Säulen „erneuerbarer Strom“ und „Effizienz“. Dies führt zur der vom DVGW entwickelten sogenannten „Zwei-Energieträger-Welt“, basierend auf klimaneutralen Elektronen und Molekülen. Die stabilisierende Wirkung der Flexibilität der Moleküle im Energiesystem kann auf diese Weise genutzt werden. Der inländischen Erzeugung von grünen, klimafreundlichen Gasen misst das BMWi insbesondere auch aus industriepolitischen Erwägungen eine zentrale Rolle bei, wie das folgende Zitat zeigt:

„Da CO2-freie bzw. -neutrale gasförmige Energieträger neben erneuerbarem Strom langfristig eine wichtige Rolle im deutschen Energiesystem spielen werden und zur Sicherheit der Energieversorgung unverzichtbar sind, kommt auch der inländischen Herstellung solcher Energieträger eine Schlüsselstellung zu. Dies gilt insbesondere auch unter industriepolitischem Blickwinkel, denn ein funktionierender Heimatmarkt ist eine zentrale Voraussetzung für die Entwicklung und Herstellung entsprechender Anlagen sowie deren Wettbewerbsfähigkeit auf europäischen und internationalen Märkten.“

Neben der industriepolitisch induzierten heimischen Erzeugung bekennt sich das Papier gleichwohl auch klar dazu, dass Deutschland Energie-Importland bleiben wird. Allerdings solle auch im Gassektor mittelfristig der Import von grünen, klimafreundlichen Gasen erfolgen.

Den Einsatz grüner Gase will das Ministerium in allen Anwendungssektoren voranbringen. Die Gasinfrastruktur müsse dazu angepasst und einem erforderlichen Transformationsprozess hin zur „H2-Readiness“ unterworfen werden.

Im Gebäudesektor stehen laut dem Bericht zukünftig Brennstoffzellen und Blockheizkraftwerke (BHKW) im Fokus. Doch auch die klassische Gasbrennwertheizung wird explizit nicht als „Lock-in“ bezeichnet, da mit grünen Gasen und hybriden Ansätzen ausreichend Klimaschutzpotenziale vorhanden seien. Zusätzlich wird die Notwendigkeit einer kommunalen Wärmeplanung gesehen, die aber Gas unter diesen neuen Vorzeichen („Gas wird grün“) berücksichtigen soll. Im Mobilitätssektor werde auch für die CNG-Mobilität weiterhin ein gewisser Raum bleiben, während der LNG-Einsatz im Schwerlastbereich sowie im Schiffsverkehr aus Sicht des Ministeriums eine unverzichtbare Technologie sei. Größter Hebel im Mobilitätssektor werde aber die direkte Nutzung von Wasserstoff bzw. der Einsatz des Energieträgers zur Herstellung synthetischer Kraftstoffe werden.

Im Industriesektor verweist das Ministerium darauf, dass durch die Ablösung von Kohle auch weiterhin Potenziale für Erdgas bestünden. Die Zukunft liege aber auch hier laut BMWi im Wasserstoff, der bevorzugt in diejenigen Anwendungen fließen soll, bei denen der Abstand zur Wirtschaftlichkeit am geringsten ist.

Im Stromsektor sieht das Ministerium neben den bereits beschlossenen Schritten zum Ausstieg aus der Braunkohleverstromung und dem damit verbundenen vermehrten Bedarf an gasbasierter Stromerzeugung insbesondere Investitionen in Gaskraftwerke zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit als nötig an. Auch hier solle die Entwicklung der Wasserstoffverträglichkeit unterstützt werden.

21 Handlungsbedarfe und Empfehlungen

Seit Februar 2019 sind Unternehmen, Verbände, Wissenschaftler und Vertreter verschiedener Politikressorts in mehreren Arbeitstreffen des BMWi zusammengekommen. Bis September widmeten sich die über 100 Experten in insgesamt zwei Arbeits- und sechs Unterarbeitsgruppen der Beantwortung von rund 50 Leitfragen; die Deutsche Energie-Agentur (dena) hat den Prozess im Auftrag des BMWi begleitet. Der DVGW war in allen Gruppen vertreten, darüber hinaus haben sich viele DVGW-Mitgliedsunternehmen direkt an den Arbeitstreffen beteiligt. Vonseiten des DVGW konnte dabei auf die umfangreichen Vorarbeiten aus der Forschung, der Innovationsoffensive Gas mit über 40 Forschungsvorhaben und insbesondere auch auf den Energie-Impuls zurückgegriffen werden. Die im Letztgenannten unter dem Konzept der drei Switche (Fuel-, Content- und Modal-Switch) entwickelten Handlungsempfehlungen finden sich nahezu vollständig in der nun vom BMWi vorgelegten Gasstrategie wieder.

Abschließend kann festgehalten werden, dass es der richtige Ansatz ist, den Herausforderungen des Klimawandels durch Technologie und Innovation sowie einem industriepolitischen Ansatz zu begegnen, der auf einer „Zwei-Energieträger-Welt“ beruht. Zwar liegt auch dem Klimapaket der Bundesregierung dieser Ansatz zugrunde, dennoch finden sich so gut wie keine Erkenntnisse der BMWi-Gasstrategie darin wieder.

Insgesamt 21 Handlungsbedarfe und Empfehlungen hat das BMWi identifiziert. Viele davon sollen in weiteren Stakeholder-Prozessen vertieft bzw. konkretisiert werden, um schließlich in Gesetzesvorhaben umgesetzt zu werden. Einige dieser Themen sollen bereits in der derzeit laufenden Legislaturperiode angegangen werden, manches wird aber auch erst nach 2021 auf die Tagesordnung gelangen. Die Beschreibung der anliegenden Arbeiten und die Aufgaben für das Gasfach liegen klar auf dem Tisch. Mit dem Wissen, dass Gas aus Sicht des BMWi Teil der Lösung ist, wird die Arbeit daran sicherlich leichter von der Hand gehen.