Technik

„Den Wert des Wassers wieder stärker ins gesellschaftliche und politische Bewusstsein rufen“

wvgw/H. Gruber

Dr. Dirk Waider, technischer Vorstand der GELSENWASSER AG und DVGW-Vizepräsident Wasser, spricht im Sommerinterview mit der Redaktion der "DVGW energie | wasser-praxis" über den Wasser-Impuls des DVGW und die aktuellen Herausforderungen für die Wasserversorgungswirtschaft.

Herr Dr. Waider, der DVGW hat am 7. Mai 2019 den „Wasser-Impuls“ gestartet. Welche Impulse wollen Sie damit setzen?

Die Versorgung mit erstklassigem Trinkwasser wird in der deutschen Bevölkerung in vielen Fällen als Selbstverständlichkeit wahrgenommen. Und auch im politischen Diskurs spielt das Thema kaum eine Rolle. Große Herausforderungen für die Trinkwasserversorgung, wie z. B. der Klimawandel, die Intensivierung der Landwirtschaft oder der demografische Wandel, werden kaum öffentlich thematisiert, und mediale Aufmerksamkeit gibt es oft nur in kritischen Situationen. Mit dem „Wasser-Impuls“ und den darin enthaltenen fünf Kernforderungen wollen wir den Wert des Wassers wieder stärker ins gesellschaftliche und politische Bewusstsein und Handeln rufen. Langfristiges Ziel ist eine angemessene Achtsamkeit gegenüber unserem wichtigsten Lebensmittel und ein Schulterschluss der maßgeblichen Akteure aus Politik, Landwirtschaft, Industrie und Gesellschaft, um gemeinsam die öffentliche Wasserversorgung in Deutschland zukunftssicher aufzustellen.

Sie hatten gerade von den kritischen Situationen gesprochen, die dafür sorgen, dass das Thema Trinkwasser in den Medien wahrgenommen wird. Bei welchen Gelegenheiten wird dessen Bedeutung besonders bewusst?

Die Aufmerksamkeit ist in unserer Gesellschaft gefühlt immer dann am größten, wenn große Umwälzungen und Brüche auftreten. Die Trinkwasserversorgung hingegen kann traditionell auf eine sehr stabile und sichere Versorgungsinfrastruktur zugreifen, die äußerst zuverlässig funktioniert – die Veränderungen vollziehen sich kontinuierlich evolutionär und werden deshalb sowohl von der Gesellschaft als auch von Seiten der Politik kaum wahrgenommen. Vor diesem Hintergrund ist Aufmerksamkeit für die Trinkwasserversorgung in der jüngeren Vergangenheit vor allem in Situationen entstanden, bei denen die Herausforderungen, wenn nicht gar Gefahren für unsere Trinkwasserversorgung offensichtlich wurden. Beispielhaft dafür sind der Klimawandel mit seinen Extremwetter-Ereignissen, das Thema der unsachgemäßen Medikamentenentsorgung, die zunehmenden Nitratkonzentrationen, z. B. im Grundwasser, und die fortschreitende Alterung der Infrastruktur.

"Für die Bevölkerung ist die Versorgung mit erstklassigem Trinkwasser eine Selbstverständlichkeit geworden - unser Ziel ist deshalb eine angemessene Achtsamkeit."

Die von Ihnen genannten Herausforderungen summieren sich in der Wasserversorgung derzeit immer weiter auf. Lassen sie sich mit zusätzlichen finanziellen Mitteln alleine lösen?

Ganz klar nein! Es geht in erster Linie nicht um Geld, sondern darum, ein Bewusstsein für eine zukunftssichere Wasserversorgung zu schaffen. Entsprechend sind unsere fünf Kernforderungen, nämlich die gesetzliche Verankerung des Vorrangs der Trinkwasserversorgung, die Minimierung von Einträgen, die Einhaltung des DVGW-Regelwerkes, der Erhalt des Anlagenwertes und das Erstellen von Zukunftsbildern, auch nicht monetärer Art. Das heißt: Wir als Wasserversorger können die Herausforderungen, die vor uns stehen, nicht alleine bewältigen. Es handelt sich vielmehr um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, und darauf wollen wir im Rahmen des „Wasser-Impulses“ aufmerksam machen. Natürlich ist es seitens der Wasserversorger enorm wichtig, dass sie das geltende DVGW-Regelwerk berücksichtigen und umsetzen. Das impliziert die Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit ihrer Investitionen. Gleichzeitig sind aber auch die Politik und die Verbraucher selbst gefordert – denn alles, was wir emittieren, findet sich irgendwann in der Luft und im Wasser wieder. Wir möchten vor diesem Hintergrund die anderen Stakeholder mit ins Boot holen: Nur, wenn wir als Branche gemeinsam mit der Politik, den Verbrauchern und weiteren Akteuren an einem Strang ziehen, können wir die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen bewältigen.

"Wir müssen den Vorrang der Trinkwasserversorgung dringend gesetzlich verankern."

Ein wichtiges Thema in diesem Zusammenhang ist die Überwachung der Trinkwasserqualität. Es gibt mit der Trinkwasserverordnung, dem einschlägigen DVGW-Regelwerk und dem Wasserhaushaltsgesetz eigentlich einen Rahmen, der eine gewohnt gute Qualität sicherstellt – ist dieser bestehende Rahmen denn noch ausreichend?

Wir müssen zum einen mit Blick auf zukünftige Extremwetter-Ereignisse, wie wir sie aus dem vergangenen Sommer bereits kennen, die bestehenden Regularien weiter ausdifferenzieren und verfeinern. Anders als beispielsweise in der Energiewirtschaft, gibt es in der Wasserversorgung keine Regeln dafür, dass z. B. in bestimmten Situationen Großlastszenarien abgeworfen werden können. Die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser muss vor diesem Hintergrund Priorität haben. Und das gilt es aus meiner Sicht klarzustellen; gerade auch, weil Extremwetter-Ereignisse und ihre Folgen keine Zukunftsmusik mehr sind, sondern bereits heute geschehen. Dafür gibt es zurzeit noch keine Regelung. In diesem Zusammenhang ist zum anderen wichtig, dass wir das bestehende DVGWRegelwerk auch tatsächlich anwenden und umsetzen, denn nur so können wir auch in den nächsten Generationen eine sichere Trinkwasserversorgung gewährleisten.

Könnte eine Art Selbstverpflichtung der Branche in diesem Zusammenhang eine praktikable Lösung darstellen?

Ob es nun eine Selbstverpflichtung oder eine gesetzliche Verankerung gibt, das ist beides möglich und sinnvoll. Wichtig ist das Ergebnis, nämlich, dass es zu einer Anwendung des Regelwerks bei allen Akteuren kommt. Eine gesetzliche Regelung hätte natürlich noch mehr Verbindlichkeit.

Ein weiteres wichtiges Branchenthema ist der Zustand der Wasserversorgungs-Infrastruktur. An dieser Stelle sind die Unternehmen und deren kommunale Entscheidungsträger gefordert, dies im Auge zu behalten und die Investitionen für die Instandhaltung bereitzustellen. Wie ist die Branche hier aufgestellt?

Zunächst einmal geht es bei dieser Frage darum, Transparenz zu schaffen: Wie sieht der Zustand der Infrastruktur derzeit aus, wo besteht Sanierungs- bzw. Instandhaltungsbedarf? Transparenz ist dabei ein wesentlicher Faktor, um gezielter und letzten Endes auch besser bzw. effektiver investieren zu können. Diejenigen Unternehmen, die sozusagen „auf Knopfdruck“ entsprechende Aussagen zu ihrer Infrastruktur treffen können, wenden in den allermeisten Fällen auch das Regelwerk gewissenhaft an und haben eine klare Vorstellung davon, wie die Investitionen in den nächsten Jahren sein sollten. Auf der anderen Seite existieren bei einigen Unternehmen mitunter auch Erkenntnisdefizite, und wir haben diesbezüglich – auf Gesamtdeutschland bezogen – sicherlich noch einige weiße Flecken. Die verantwortlichen Behörden und Kommunen müssen in diesem Zusammenhang sicherstellen, dass wir ein Mindestniveau an Investitionen, an Qualität und an Versorgungssicherheit haben und dass wir Erkenntnisse darüber gewinnen, wo mehr investiert und kontrolliert werden muss.

Kann dieser Erkenntnisgewinn, der deutschlandweit stattfinden muss, von den einzelnen Versorgungsunternehmen alleine getragen werden oder bedarf es dabei z. B. der Unterstützung des DVGW?

Zwar muss eine Bestandsaufnahme immer vor Ort geschehen und dabei die lokalen Besonderheiten angemessen berücksichtigen. Gleichwohl ist der DVGW dabei eine große Hilfe, weil er bei der Analyse der Investitionsnotwendigkeit Hilfestellungen geben kann.

Welche Rolle spielen technische Innovationen bei der Zustandsbewertung und auch der Instandhaltung im laufenden Betrieb?

Neue Technologien bieten in diesem Zusammenhang viele Vorteile und können uns vollkommen neue Daten liefern. Wir bei Gelsenwasser arbeiten z. B. mit Programmen aus dem Bereich der sogenannten „predictive maintenance“. Das bedeutet konkret: Wenn ein bestimmter Kennwert von der Vorgabe abweicht, wissen wir, dass das entsprechende Teil repariert/saniert bzw. ausgetauscht werden muss. Eine bessere Datenanalytik sorgt hier also für einen mitunter erheblichen Erkenntnisgewinn, und bessere Informationen bedeuten auch im Zweifel bessere Entscheidungen. Während wir früher z. B. Leitungen nach einer gewissen Lebensdauer pauschal ausgetauscht haben, können wir heute detaillierte Analysen anstellen und darauf basierend entscheiden, dass die Leitung noch für zehn oder 20 weitere Jahre genutzt werden kann. Die digitale Welt macht es möglich, dass wir heute gezielter und nicht zuletzt auch bedarfsgerechter investieren können.

Das Thema „Klimawandel“ ist aktuell medial sehr präsent. Zwar hat die Wasserversorgung in Deutschland immer wieder Herausforderungen bestehen müssen – Stichwort „Jahrhundert-Sommer 2003“ oder verschiedene Hochwasserszenarien. Trotzdem ergibt sich für den Laien aktuell der Eindruck, dass sich nach dem letztjährigen Trockenjahr etwas verändert hat. Was ist Ihre Einschätzung zu dieser Thematik?

Auch hier gilt: Der letzte Sommer mit seinen extremen Temperaturen und der Dürre war kein wirklicher Bruch. Zwar haben die Medien im Kontext des Klimawandels stärker über das Thema berichtet, aber ich habe auch im vergangenen Jahr nichts über flächendeckende Versorgungsausfälle in Deutschland gelesen; insofern hat die Wasserversorgung hierzulande auch in den letzten Jahren funktioniert. Gleichwohl ist es so, dass der Klimawandel bereits in naher Zukunft erhebliche Auswirkungen auf unsere Arbeit haben wird. Damit korrelierend, verändern sich auch die Rahmenbedingungen kontinuierlich. Zwar sind die Regenereignisse, über einen längeren Zeitraum betrachtet, in den letzten Jahren weitgehend auf einem Niveau; auf einzelne Tage oder gar Stunden bezogen haben wir hingegen immer häufiger Extremwetter-Ereignisse. Das wiederum bedeutet, dass auch andere Herausforderungen plötzlich größere Auswirkungen haben können, z. B. dass sich die Stoffe, die in der Landwirtschaft ausgebracht werden, schneller in den Gewässern wiederfinden.

"Der Klimawandel und seine Folgeerscheinungen werden bereits in naher Zukunft erhebliche Auswirkungen auf die Wasserversorgung haben."

Bei uns im Ruhrgebiet bei Gelsenwasser war der letzte Sommer unter quantitativen Gesichtspunkten keine Herausforderung: Wir haben in der Dürreperiode jeder Kommune 5.000 Kubikmeter Wasser zur Bewässerung der Grünflächen schenken können. In anderen Regionen in Deutschland wäre das unter den gleichen Rahmenbedingungen hingegen nicht möglich gewesen, zum Teil wurden bereits entsprechende Verbote zur Gartenbewässerung ausgesprochen. In diesem Sommer war das z. B. in Ostwestfalen bereits Ende Juni wieder der Fall. Das Thema Quantität wird in diesem Zusammenhang in den nächsten Jahren in einigen Gebieten in Deutschland definitiv eine Rolle spielen.

Sich wandelnde Rahmenbedingungen haben wir auch unter demografischen Gesichtspunkten: Wir verzeichnen seit geraumer Zeit eine allgemeine Wanderungsbewegung von den ländlichen Regionen in die Städte. Für die Infrastruktur bedeutet das eine Belastung: Auf dem Land werden die Strukturen immer weniger ausgelastet, während die Infrastrukturen in den Städten und Ballungsregionen immer stärker gefordert werden.

Ist es in diesem Zusammenhang also sinnvoll, in den ländlichen Gebieten die Infrastruktur zurückzubauen und in den Ballungsgebieten größere Leitungen zu verlegen?

Das lässt sich pauschal so nicht sagen, man muss immer die individuellen Bedingungen vor Ort berücksichtigen. Diese gilt es frühzeitig zu erkennen, um bei Bedarf handlungsfähig zu sein. Egal, wie sich in einem Gebiet die Bevölkerungszahlen entwickeln: Druck, Menge und Qualität des Trinkwassers müssen immer stimmen. Es ist Aufgabe der technisch Verantwortlichen, dies zu lösen.

Hatten Sie als Branchenexperte im vergangenen Jahr eine ungefähre Ahnung, wo in Deutschland es in Bezug auf die Trinkwasserversorgung zu Problemen kommen könnte?

Ja, in einigen Fällen war das absehbar. Ein typisches Problemfeld sind z. B. die Sommerurlaubsgebiete in Norddeutschland, weil die dortigen Leitungen nicht auf die zahlreichen Touristen, die hier ihren Urlaub verbringen, ausgelegt sind. Wenn dann noch die lokalen Landwirte und Mastbetriebe größere Wassermengen entnehmen, dann ist das für die Leitungen und Infrastrukturen eine echte Belastungsprobe. Und hier ist es unserer Meinung nach so, dass die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser Vorrang haben muss z. B. vor der Verwendung des Wassers in der Landwirtschaft.

Sie sagen, dass Ihr Unternehmen im trockenen und vielerorts von Dürre geprägten Sommer 2018 hinsichtlich der Quantität keine Probleme hatte. Wie sieht es bei den Starkregen-Ereignissen hinsichtlich der Trinkwasserqualität aus? Und sind die vorhandenen Prognosewerkzeuge ausreichend?

Bei Starkregen-Ereignissen steht vor allem das Thema Qualität im Fokus, als Stichwort sei hier der Eintrag von Spurenstoffen genannt. Als Versorger, der überwiegend Oberflächenwasser nutzt, sind wir stärker von diesen Ereignissen betroffen. Aber auch eine überlastete Kanalisation kann zu Einträgen in Oberflächengewässer führen. Hier sind meiner Meinung nach vor allem die Bauern gefordert: An Tagen, an denen entsprechende Regenereignisse prognostiziert sind, sollten sie keine Pflanzenschutzmittel ausbringen. Ich bin hier allerdings der Ansicht, dass die heute zur Verfügung stehenden Prognose-Werkzeuge gut funktionieren und ihren Zweck erfüllen.

Stichwort Spurenstoffe: Hat sich bei Gelsenwasser der Aufwand für die Trinkwasseraufbereitung in den letzten Jahren verändert?

Wir haben unsere Wasserwerke an der Ruhr in den letzten Jahren mit einer zusätzlichen Aufbereitung versehen und werden auch in Zukunft größere Investitionen in die Aufbereitung an der Ruhr stecken. Als wichtigen Schritt zur Qualitätsverbesserung haben wir z. B. hinter den klassischen Aufbereitungsprozess in unseren Wasserwerken eine Aktivkohle-Stufe geschaltet.

"Beim Thema Nitrat ist es enorm wichtig, dass das Verursacherprinzip durchgesetzt wird."

Ihr Versorgungsgebiet, das Ruhrgebiet, ist traditionell eher wenig ländlich geprägt. Spielt das Thema Nitrat dennoch eine Rolle?

Nitrat ist zwar grundsätzlich ein Thema, mit dem wir uns bei Gelsenwasser befassen, es hat allerdings bezüglich unserer eigenen Wassergewinnung eher eine untergeordnete Priorität. Grund hierfür ist, dass wir – anders als bei vielen anderen deutschen Versorgern – unser Rohwasser zu großen Teilen aus Oberflächengewässern gewinnen. Durch die natürlichen Prozesse wird hier Nitrat zu einem wesentlichen Teil abgebaut. Überall, wo wir Grundwasserwerke haben, war bereits oder ist das Thema Nitrat aber auch bei uns virulent, verstärkt z. B. an Brunnen in der Hohen Mark, in Höxter und am Niederrhein.

Im „Wasser-Impuls“ nimmt das Thema hingegen eine sehr große Rolle ein …

… und das vollkommen zu Recht, denn laut dem aktuellen Nitratbericht der Bundesregierung weisen rund 50 Prozent der Grundwasser-Messstellen eine erhöhte Nitratbelastung auf. Und in Gebieten mit einer intensiven landwirtschaftlichen Nutzung überschreitet mehr als ein Viertel der Messstellen den gesetzlich verankerten Schwellenwert. Nitrat ist demzufolge ein Thema, mit dem sich viele Wasserversorger in Deutschland konfrontiert sehen, und nimmt im „Wasser-Impuls“ einen hohen Stellenwert ein. Für uns als Branche ist es in diesem Zusammenhang wichtig, dass die entsprechenden Einträge aus der Landwirtschaft deutlich reduziert werden, denn nur so lassen sich die Vorgaben des Gesetzgebers einhalten. Dies muss zur Not auch mit strengen Sanktionsmechanismen durchgesetzt werden, und hohe finanzielle Strafen bei Nichtbeachtung dürfen in diesem Zusammenhang kein Tabu sein. Wichtig ist hier auch die konsequente Durchsetzung des Verursacherprinzips, denn die Frage, wer für den zusätzlichen Aufwand und die nicht unerheblichen Kosten für die Wasseraufbereitung aufkommen muss, bleibt für uns aktuell.

Wird das Thema Nitrat denn nur auf nationaler oder auch auf europäischer Ebene betrachtet und angegangen?

Im Falle des „Wasser-Impulses“ steht die nationale Ebene im Vordergrund, wir thematisieren es aber auch auf der supranationalen Ebene, z. B. durch EurEau.

Sie hatten bereits angedeutet, dass bei einer Nichtbeachtung des Verursacherprinzips beim Thema Nitrat die Mehrkosten für die aufwendigere Wasseraufbereitung auf die Verbraucher umgelegt werden müssen. Ist Trinkwasser Ihrer Ansicht nach zu günstig? Und sind für die Zukunft Preissteigerungen zu erwarten?

Ich möchte nicht von „zu günstig“ sprechen, aber es ist meiner Ansicht nach ein gutes Zeichen, dass die Kosten für die Trinkwasserversorgung in Deutschland, z. B. bei den Nebenkosten, keine große Rolle spielen. Es ist in diesem Zusammenhang davon auszugehen, dass bei den gerechtfertigten Preisen, die es zurzeit in Deutschland gibt, 90 bis 95 Prozent der Bevölkerung gar nicht wissen, was sie für ihr Wasser bezahlen.

Preissprünge wird es in den nächsten Jahren trotz aller Herausforderungen wohl nicht geben – vorausgesetzt, dass wir uns als Branche kontinuierlich verbessern und die Herausforderungen, mit denen wir uns heute konfrontiert sehen, auch angehen. Auch hier hilft der „Wasser-Impuls“ des DVGW: Durch die Sensibilisierung politischer Entscheidungsträger, Verbraucher und weiterer Stakeholder für den Wert des Trinkwassers erreichen wir, dass alle Akteure zusammenarbeiten und so dafür sorgen, dass sich die Wasserversorgung zukunftsfest aufstellen kann. Verschließen wir jedoch die Augen und negieren die aktuellen Entwicklungen, insbesondere da, wo verstärkt Investitionen anstehen, dann werden sich Preissteigerungen nur schwer vermeiden lassen.

Seit Ende des letzten Jahres gibt es den Nationalen Wasserdialog der Bundesregierung, der ähnliche Themen wie der „Wasser-Impuls“ behandeln soll. Wo sehen Sie hier Synergie-Effekte?

Der Nationale Wasserdialog greift Themen aus der gesamten Wasserwirtschaft auf. Der DVGW fokussiert mit dem „Wasser-Impuls“ rein auf die Wasserversorgung. Einige Aspekte aus dem Impuls lassen sich dennoch sehr gut mit dem Wasserdialog verknüpfen, insbesondere gilt dies bei der Frage des Vorrangs der Wasserversorgung gegenüber anderen Nutzern. Insofern werden wir unsere Forderungen und Prioritäten in diese Initiative der Bundesregierung einbringen. Wichtig ist, dass wir den Wasserdialog nicht als Gegenveranstaltung betrachten – vielmehr ziehen wir alle gemeinsam am gleichen Strang, und im Hinblick auf das Ziel-Bild sind wir identisch.

Gleichwohl sind die Ziele des Nationalen Wasserdialogs auf einen sehr langen Zeithorizont bis zum Jahr 2050 ausgelegt. Wir wollen mit dem „Wasser-Impuls“ dazu beitragen, dass diese Zielsetzungen bereits deutlich früher erreicht werden. Denn wenn man ein langfristiges Ziel vor Augen hat, heißt das nicht, dass man jahrelang wartet, bevor man sich auf den Weg macht. Insofern versuchen wir mit dem „Wasser-Impuls“, uns frühzeitig auf den Weg zu machen und die Aufgaben, die bereits heute gelöst werden können, auch zeitnah anzugehen.

Herr Dr. Waider, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!