grüne Gase

Wo steht die Sektorenkopplung?

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Die ewp-Redaktion fragt, Leserinnen und Leser antworten.

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Die Sektorenkopplung gilt als Schlüssel für das Gelingen der Energiewende auch abseits des Stromsektors. Was genau kann die Sektorenkopplung leisten? Wie können die Gas-, Strom-, Wärme- und Verkehrsinfrastrukturen sinnvoll miteinander verknüpft werden? Welche Funktion können die Gasinfrastrukturen dabei übernehmen? Und sind die aktuellen wirtschaftlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen für die Sektorenkopplung geeignet?

Power-to-Gas kann die Gesamtsystemkosten der Energiewende reduzieren

Damit Deutschland die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens erreicht, ist eine enge Verzahnung der Sektoren erforderlich. Als VNG-Gruppe sind wir davon überzeugt, dass die bestehende Gasinfrastruktur in Kombination mit der Power-to-Gas-Technologie künftig das Herzstück für das Gelingen der Sektorenkopplung und der Energiewende bilden kann. Denn durch die Umwandlung in Wasserstoff bzw. Methan kann erneuerbarer Strom ebenso wie Biomethan über die Gasinfrastruktur langfristig gespeichert, transportiert und sektorenübergreifend genutzt werden. Auf diesem Weg sind erhebliche CO2-Einsparungen in allen Sektoren möglich. Die Gasinfrastruktur sorgt für den notwendigen räumlichen und zeitlichen Ausgleich der volatilen Erneuerbaren und trägt somit wesentlich zur Versorgungssicherheit bei. Auch reduziert sich der Ausbaubedarf des Stromnetzes, wodurch die Gesamtsystemkosten der Energiewende sinken und ihre gesellschaftliche Akzeptanz steigt. Power-to-Gas stellt daher nicht nur eine umweltschonende, sondern zugleich auch eine kosteneffiziente Option für die Sektorenkopplung dar. Voraussetzung dafür sind allerdings technologieoffene, politische Rahmenbedingungen, die es der Technologie und der bestehenden Gasinfrastruktur erlauben, ihr volles Potenzial für die Sektorenkopplung zu entfalten.

Wir dürfen im Dialog mit der Politik nicht nachlassen!

Wann immer ich in den zurückliegenden Wochen mit der Politik diskutiert habe, die Diskussion um die Ausgestaltung der Sektorenkopplung nimmt die richtige Richtung. Weg von einer ideologischen „all electric society“-Orientierung und hin zur entscheidenden Frage: Wie optimieren wir das Gesamtenergiesystem mit dem Ziel, die kosteneffiziente Integration der erneuerbaren Energien zu beschleunigen? Dazu brauchen wir Technologie-, Innovationsoffenheit sowie Wettbewerb, damit sich die besten und wirtschaftlichsten Ideen durchsetzen können. Drei Punkte sind wichtig: Der Kunde sollte auch in Zukunft zwischen verschiedenen Technologien und Energieträgern wählen dürfen. Zweitens, 95 % des erneuerbaren Stroms werden verbrauchsnah in die Verteilnetze eingespeist. Diese sowie die Erzeugungsanlagen zu erhalten und auszubauen, ist wichtig, denn so vermeiden wir Kosten auf den vorgelagerten Ebenen. Komplementär ist dabei die bestehende Gas- und Wärmeinfrastruktur, deren Potenziale in der Sektorenkopplung noch lange nicht erschöpft sind. Und drittens: Wir dürfen nicht im Dialog mit der Politik nachlassen, müssen auch weiterhin unseren energiewirtschaftlichen und -politischen Sachverstand einbringen.

Integrierte Energiewende – worum es jetzt geht

Energiewende ist im Wandel. Erst war das Ziel, erneuerbare Energien aus der Nische zu holen. Heute geht es um Systemintegration: Wir müssen über die verschiedenen Sektoren hinweg tätig werden und die verschiedenen Teile und Infrastrukturen miteinander verbinden. Wir nennen es: integrierte Energiewende. Denn so einfach, wie es der Begriff Sektorenkopplung suggeriert, ist die Aufgabe nicht. Jeder Sektor hat spezifische Herausforderungen und Rahmenbedingungen. Wie in einem komplexen System kommunizierender Röhren kann jede kleine Veränderung Auswirkungen auf das gesamte System haben. Mit einer integrierten Betrachtung können wir diese Zusammenhänge erfassen und realistische Transformationspfade entwickeln. Dabei sollte Technologieoffenheit ein Leitprinzip sein. Dann wird auch die Erdgasinfrastruktur einen wichtigen Beitrag zum Erfolg der Energiewende leisten können. Im Moment brauchen wir vor allem einen breiten, sektorübergreifenden Diskurs, um voranzukommen. Gemeinsam mit Stakeholdern aus allen Bereichen arbeiten wir deshalb an der dena-Leitstudie „Integrierte Energiewende“. Erste Ergebnisse diskutieren wir auf dem dena-Kongress am 20. und 21. November 2017 in Berlin.

Power-to-Gas und die Gasinfrastruktur sind der Schlüssel für eine innovative Energiewende

Die Energiewende in Deutschland ist bislang im Wesentlichen eine Stromwende. Weite Bereiche des Energieverbrauchs werden noch nicht mit erneuerbaren Energien erschlossen: die Mobilität sowie die Gebäude- und Industriewärme. Deshalb ist es so wichtig, dass wir mit regenerativ erzeugtem Strom aus heimischer Produktion über die Sektorenkopplung auch andere Verbrauchsbereiche als den Strommarkt erschließen oder weiterentwickeln. Power-to-Gas und die leistungsfähigen Gasnetze, die große Mengen an synthetischem Gas aufnehmen, transportieren und nahezu überall hin verteilen können, werden damit zu Schlüsseltechnologien und -infrastrukturen einer innovativen Energiewende. Praktische Erfahrungen und Ergebnisse zur Umwandlung von Windstrom in Wasserstoff mittels Elektrolyse sowie zur Einspeisung von Wasserstoff ins Erdgasnetz liefern Gemeinschaftsprojekte in Hamburg-Reitbrook sowie im Norden von Schleswig-Holstein. Dort ist es uns in einem Feldversuch gelungen, bis zu 10 % Wasserstoff erfolgreich ins Erdgasnetz zu integrieren. Und dies ist nur ein Beispiel, wie wir mittels Sektorenkopplung und einer zukunftsgerichteten Nutzung der Gasinfrastruktur Schritt für Schritt die nächsten Stufen der Energiewende erschließen und die ehrgeizigen Klimaschutzziele der Bundesrepublik erreichen können.

Mit Biomethan und Power-to-Gas kommt mehr erneuerbares Gas zum Kunden

Auf dem deutschen Wärmemarkt stammt nur knapp jede siebte Kilowattstunde aus erneuerbaren Energien, im Verkehrssektor ist es nicht einmal jede zwanzigste. Das zieht die deutsche Klimabilanz in den Keller. Holzwärme und flüssige Biokraftstoffe gilt es vermehrt zu nutzen, ihr Potenzial ist aber begrenzt. Für eine umfassende Dekarbonisierung benötigen wir daher eine verstärkte Elektrifizierung. Auf den Strommarkt kommen mit steigender Nachfrage aus dem Wärme- und dem Verkehrssektor neue Aufgaben zu. Damit sich diese Sektorenkopplung nicht vom Klimaschutz abkoppelt, muss sie von einem weiteren starken Erneuerbaren-Wachstum begleitet sein. Die derzeit im EEG mit den Deckeln für Wind-, Solar- und Bioenergie gesetzten Hürden gilt es zu überspringen. Nur dann kann aus der Stromwende auch eine Verkehrs- und Wärmewende werden. Für einen umfassenden Systemwechsel dient das Gasnetz als Brücke ins Erneuerbaren-Zeitalter. Denn Erdgas kann stufenlos klimafreundlicher werden. Beispiel Wärmemarkt: Die Beimischung von Biomethan gewinnt Zuspruch, obwohl der Verbraucherpreis höher ist als für Erdgas. Beispiel Verkehrssektor: Von den knapp 900 CNG-Tankstellen in Deutschland werden bereits 120 mit reinem Biomethan betrieben. Mit der Umwandlung von klimaneutralem Wind- und Solarstrom in Wasserstoff und dann weiter in Methan kann künftig verstärkt synthetisches Erdgas ins Gasnetz gelangen. Mit jeder Biomethan-Einspeisung, jedem Power-to-Gas-Projekt kommt also mehr erneuerbares Gas zum Kunden. Dieser Trend ist aber kein Selbstläufer, sondern muss von politischem Willen zum Wandel und von Verbraucherakzeptanz begleitet sein.

Ein technologieoffenes Marktumfeld ist die Grundlage

Die Sektorenkopplung, der effiziente Einsatz von Strom aus erneuerbaren Energien im Wärmemarkt, Verkehrs- und Industriesektor, bringt die Energiewende und die anvisierte Treibhausgasneutralität effektiv und wirtschaftlich voran. Zusätzlich zur Steigerung der Energieeffizienz und der direkten Nutzung von erneuerbaren Energien im jeweiligen Sektor ermöglicht uns die Sektorenkopplung die weitergehende Dekarbonisierung unseres Energiesystems. Zudem kann sie Flexibilität für das Energiesystem bereitstellen. Hierfür müssen wir das Energiesystem als Ganzes in den Blick nehmen und geeignete Rahmenbedingungen schaffen. Ein technologieoffenes Marktumfeld ist dafür die Grundlage. Neben der Weiterentwicklung unseres Abgaben-, Umlagen- und Steuersystems sowie dem Abbau nicht-preislicher Hemmnisse müssen wir unsere Energieinfrastrukturen für die Sektorenkopplung nutzbar machen. Dazu ist u. a. die Planung der Infrastruktur auf die Energiewende auszurichten und die verschiedenen Netze und Regelungen zu verzahnen. Die notwendigen Investitionen erfordern Planungssicherheit und eine langfristige Perspektive. Die Gasinfrastruktur bleibt wichtig. Deren Struktur wird sich jedoch u. a. aufgrund von Veränderungen in der Energienachfrage, der Standorte neuer Gaskraftwerke oder dem Einsatz von erneuerbarem Gas ändern müssen. Diesen Weiterentwicklungsprozess müssen wir frühzeitig anstoßen.

Die gesetzlichen und regulatorischen Rahmenbedingeungen lassen die praktische Umsetzung nicht zu

Die Sektorenkopplung ist neben der Bereitstellung der notwendigen erneuerbaren Energien und der signifikanten Erhöhung der Energieeffizienz ein zentrales Element für das Gelingen der Energiewende in Deutschland und Europa. Während sich diese generelle Erkenntnis inzwischen in der Energiewirtschaft, in der Industrie und in der Wissenschaft sowie im politischen Raum manifestiert hat, ist die konkrete Ausgestaltung der Sektorenkopplung noch weitestgehend offen und wird intensiv diskutiert. Erste Pilot- und Demonstrationsprojekte zeigen vielversprechende Ergebnisse aber die geltenden gesetzlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen lassen noch keine praktische Umsetzung der Konzepte zu. Um praktikable Lösungsansätze für die offenen technologischen, systemischen und wirtschaftlichen Fragestellungen zu erhalten, bedarf es weiterer interdisziplinärer Forschungs- und Entwicklungsarbeiten, die neben Energieeffizienz auch die Aspekte Umsetzbarkeit, Bezahlbarkeit, Resilienz und Versorgungssicherheit berücksichtigen und Technologieoffenheit zulassen.

Energiewirtschaftliche Betrachtungen aus der Vogelperspektive helfen uns nicht weiter

Die Energiewende schreitet weiter voran. Zudem hat sich Deutschland mit der Unterzeichnung des Weltklimavertrages dazu verpflichtet, die anthropogenen Kohlenstoffdioxidemissionen bis zum Jahr 2050 zu beenden. Damit wird die Sektorenkopplung ein systemrelevanter Teil der zukünftigen Energieversorgung für Strom, Gas, Wärme und Verkehr und mit ihr die Power-to-Gas-Technologie das Schlüsselelement zur langfristigen Speicherung von großen Energiemengen. Beides ist vergleichbar mit den Umspannwerken, den Gasübernahmestationen und anderen technischen Einrichtungen. Diese sind seit Langem wichtige und notwendige Bestandteile der Energienetze. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen müssen jetzt verändert werden, denn bis zum Jahr 2050 ist es nicht mehr weit hin. Die bisherigen energiewirtschaftlichen Betrachtungen aus der Vogelperspektive helfen uns da nicht weiter, wie beispielsweise die Abschaltungen von Windkraftanlagen in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein schon heute zeigen.

30 ist nicht 100

Fast ein Drittel EE-Strom. Das ist beeindruckend, aber nicht mit 100 % zu verwechseln; noch dominiert die fossile Stromerzeugung. Wer heute durch Sektorenkopplung den Stromverbrauch erhöht, steigert zunächst die fossile Stromerzeugung. Das gilt auch für Verluste bei der Speicherung von Strom und darum in besonderem Maß für die PtG-Technologien. Aber: Alle Sektoren müssen zum Klimaschutz beitragen. Und bei Wärme und Verkehr liegt die Quote der Erneuerbaren bei 13 bzw. 5 %. Elektrifizierung ist also schon heute sinnvoll. Wir haben Anlass und Zeit, in wettbewerblichen Verfahren die besten Lösungen zu entwickeln. Es gibt keinen strukturellen „Überschussstrom“. 3 % Spitzenkappung und negative Preise sind kein Grund für Hektik und Ruf nach Subventionen, sondern sinnvolle Begrenzungen des Ausbaus der Infrastruktur und wichtige Preissignale zur Entwicklung von Flexibilität im Energiemarkt. Regulatorisch wird die Sektorenkopplung u. a. durch die Details der Entgeltregelungen gebremst, die die Industrie daran hindern, auf die Großhandelspreise zu reagieren. Damit verpufft das wichtigste Signal bei seinem wichtigsten Adressaten. Dem müssen wir uns widmen – mit Ruhe und Weitblick. Denn 30 ist nicht 100; aber besser als 13 oder 5.

Die infrastrukturelle Sektorenkopplung muss schon heute bewertet werden

Der Begriff Sektorenkopplung wird in der öffentlichen Diskussion nicht immer einheitlich verwendet. Mitunter wird bereits die Elektrifizierung von Mobilitäts- oder Wärmeanwendungen, die ihren Energiebedarf bisher durch Erdgas oder Kraftstoffe gedeckt haben, als Sektorenkopplung bezeichnet. Darüber hinaus geht die sogenannte infrastrukturelle Sektorenkopplung, bei der Infrastrukturen des Strom- und Gassystems über Power-to-Gas-Anlagen und gasgefeuerte Kraftwerke gekoppelt werden und einen bidirektionalen Energietransport zwischen beiden Infrastrukturen erlauben. Während der Trend zu Elektroautos und Wärmepumpen bereits erkennbar ist, wird die Frage nach infrastruktureller Sektorenkopplung kontrovers diskutiert. Die infrastrukturelle Sektorenkopplung kämpft mit dem Umstand, dass ihr zentraler Nutzen erst bei sehr hohen Anteilen erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung von mehr als 80 % zum Tragen kommt, aber bereits heute Entscheidungen für die langfristige Entwicklung der Gasnetzinfrastruktur zu treffen sind. Eine faire Bewertung der infrastrukturellen Sektorenkopplung bedarf daher einer zeitintegralen Betrachtung über Dekaden.

Die Rolle von Power-to-Gas sollte regulatorisch angemessen berücksichtigt werden

Mit der Sektorenkopplung gelingt die Energiewende durch die Verknüpfung der Strom- und Gasinfrastrukturen. Die Gasinfrastruktur verfügt über hohe Transport-, Verteil- und Speicherkapazitäten, die im Energiesystem der Zukunft wichtige Systemdienstleistungen übernehmen können. Die hohen Belastungen in den Stromverteil- und Übertragungsnetzen können durch die Kopplung mittels Power-to-Gas-Anlagen signifikant reduziert und das dabei erzeugte Gas (Wasserstoff oder auch Methan) den Sektoren Wärme, Verkehr und Erzeugung zur Verfügung gestellt werden. Dadurch kann die notwendige Dekarbonisierung dieser Sektoren wesentlich unterstützt werden. Aktuelle Ergebnisse aus Forschung und Entwicklung belegen das hohe Potenzial dieser zukunftsweisenden Technologie, deren Rolle als Schlüsseltechnologie für die Energiewende regulatorisch angemessen berücksichtigt werden sollte. Die schrittweise Integration der Power-to-Gas-Anlagen muss daher unmittelbar in Angriff genommen werden.

Sektorenkopplung bringt neue Herausforderungen mit sich

Sektorenkopplung ist nicht neu, wie das Beispiel der Kraft-Wärme-Kopplung seit Langem in der Praxis zeigt. Neu ist die strategische Dimension in der energiepolitischen Debatte, welche die Nutzung von erneuerbarem Strom auch für Wärme und Mobilität propagiert. Strategisch verlockend ist nicht nur der kohlenstoffarme Strom aus Erneuerbaren, sondern auch die Kombination mit zusätzlichen technischen Effizienzgewinnen sowie die Verheißung, dadurch das Stromsystem flexibler zu machen. „Sektorenkopplung“ ist allerdings nicht die Universallösung für die Wärmewende oder die Mobilitätswende. Sie bringt auch neue Herausforderungen mit sich: Der Mehrverbrauch an Strom kann von den bei Weitem nicht unerschöpflichen Potenzialen der erneuerbaren Energien nur dann gedeckt werden, wenn konsequent und rechtzeitig weitere Effizienzpotenziale erschlossen werden. Synthetische Brennstoffe selbst werden stromintensiv produziert. Das „Flexibilitätsversprechen“ ermöglicht Leistungsverschiebungen um mehrere Stunden, endet aber bei saisonalen Verschiebungen. Es muss durch Rahmenbedingungen und funktionierende Geschäftsmodelle umsetzbar gemacht werden. Und schließlich: Auch in längeren Zeiten wetterbedingt geringer Verfügbarkeit erneuerbarer Energien braucht es Leistung. Hier käme die Gasinfrastruktur als mögliche Unterstützung ins Spiel. Derzeit ist der Technologiewettbewerb um die effizienteste, sicherste, flexibelste, systemverträglichste Lösung noch offen. Benötigt werden verlässliche Rahmenbedingungen, welche die systemverträgliche Weiterentwicklung bereits nutzbarer Technologien und passender Geschäftsmodelle unterstützen – ohne dabei den Wettbewerb um langfristig nutzbringende Lösungen einzuschränken. Zumindest wäre es verfrüht, das Stromsystem bereits heute als „Leitsystem der Energiewende“ auszurufen. Die Frage, welche Mehrwerte die jeweiligen Subsysteme für das Energiesystem der Zukunft bieten, sollte in einem fairen Wettbewerb geklärt werden, der auch mehrere Gewinner haben kann.

Das Energiesystem der Zukunft muss am Ende aus Strom und Gas bestehen

Der kolossale Wandel unseres Energiesystems tritt augenblicklich in eine entscheidende Phase: Bisher haben wir unsere energiepolitischen Ziele durch eine Stromwende erreicht. Das hat uns zu einem beachtlichen regenerativen Anteil von etwa 35 % des Stromverbrauchs geführt. Für unsere sehr viel ambitionierteren klimapolitischen Ziele muss das System aber größer und über den Strombereich hinaus gedacht werden. Wie sieht ein Gesamtsystem mit 80, 90 oder gar 100 % regenerativem Anteil aus? Klar ist, dass man nur Strom in großem Stil regenerativ erzeugen kann; aber auch, dass eine saisonale Speicherung in großem Umfang nur im Gassystem möglich ist. Daher kommen immer mehr Fachleute zu dem Ergebnis, dass das System „vom Ende her gedacht“ keine „All-Electric-World“ sein kann, sondern aus Strom und Gas bestehen muss. Meine Vision für unser Energiesystem in 50 Jahren: Wir erzeugen den gesamten Energiebedarf als regenerativen Strom und verschieben so viele Anwendungen wie möglich in den Strombereich – daher ist auch die Kopplung mit dem Verkehrs- und Wärmesektor essentiell. Den „Rest“ speichern wir im Gassystem für die Zeiten, in denen der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. So kann ein 100 % regeneratives, CO2-neutrales Energiesystem gelingen. Dafür muss die Sektorenkopplung jetzt aber dringend und ernsthaft Fahrt aufnehmen.

Die Erneuerbaren-Branche ist bereit für die Sektorenkopplung – die Bundesregierung nicht

Das deutliche Verfehlen des selbst gesetzten Klimaziels für das Jahr 2020 ist ein energiepolitisches Versagen der Bundesregierung, allen voran Bundeskanzlerin Angela Merkel, die ihren Worten keine ausreichenden Taten folgen lässt. Die dringend notwendige Dekarbonisierung aller Wirtschaftsbereiche bis zum Jahr 2040 wird nun noch ambitionierter, ist aber weiterhin möglich, wenn die Politik das Potenzial der Sektorenkopplung erkennt und nutzt. Und dies nicht nur im Strombereich, wo besonders Windgas – erneuerbar produzierter Wasserstoff oder Methan – als kapazitätsstarker Langzeitspeicher für Versorgungssicherheit auch in einem weitgehend erneuerbaren Stromsystem sorgt. Besonders wichtig ist die Sektorenkopplung zudem für den Schwerlast-, Schiffs- und Flugverkehr sowie in der Chemieindustrie, wo die Energiewende praktisch noch nicht stattgefunden hat. Hier ermöglicht Windgas oder Power-to-Gas den Ersatz der bisher eingesetzten fossilen Kraft- und Rohstoffe im erforderlichen großen Stil. Die Erneuerbaren-Branche ist bereit für die nötige Transformation. Nun muss die kommende Bundesregierung in der nächsten Legislaturperiode endlich vorhandene Barrieren abbauen, um einen fairen Marktzugang für Sektorenkopplungstechnologien zu ermöglichen.

Die Gaswirtschaft sollte bei Power-to-Gas mit offenen Karten spielen

Um die mittel- bis langfristigen Klimaschutzziele zu erreichen, muss die neue Bundesregierung den Boden für die Sektorenkopplung bereiten. Sie sollte Energie dafür grundsätzlich so bepreisen, dass sich darin deren Treibhausgasemissionen widerspiegeln – das ist im Moment genau umgekehrt. Technisch gesehen, könnte Sektorenkopplung bedeuten, stärker in Hybridlösungen wie Wärmepumpen in Kombination mit Gasbrennern für die Spitzenlast zu denken. Hier kann im Laufe der Zeit auch zunehmend synthetisches, aus Strom hergestelltes Gas eine Rolle spielen. Allerdings sollte die Gaswirtschaft bei Power-to-Gas (PtG) mit offenen Karten spielen: Erstens lassen sich die Mengen von Strom aus erneuerbaren Energien, die man für die PtG-Herstellung in großem Maßstab braucht, in Deutschland nicht herstellen. Wir reden deshalb über den Import von PtG, etwa aus Marokko oder der arabischen Halbinsel. Und zweitens wird PtG teurer sein als die direkte Nutzung von Strom, das liegt am schlechten Wirkungsgrad der Methanisierung und am Transport des Gases. Sicherlich wird es auch Anwendungsfälle und Kunden geben, bei denen PtG die präferierte Lösung ist. Nur wird sich auch PtG der Konkurrenz anderer CO2-freier Technologien stellen müssen.

Der optimale Entwicklungspfad liegt weder in der radikalen Elektrifizierung des Wärme- und Mobilitätsbereichs noch in einer reinen Versorgung mit Wasserstoff

Mit der Ratifizierung des Pariser Klimaschutzabkommens hat sich auch Deutschland darauf verpflichtet, den Anstieg der Erderwärmung auf deutlich unter 2 °C zu begrenzen. Ohne einen deutlich verstärkten Einsatz erneuerbarer Energie in allen Bereichen droht Deutschland jedoch die Ziele zu verfehlen – die selbstgesteckten nationalen ebenso wie die von Paris. Sektorenkopplung ist der Schlüssel für eine volkswirtschaftlich sinnvolle und ressourceneffiziente Transformation des Energiesystems hin zu einer erneuerbaren und treibhausgasarmen Versorgung. Sie ermöglicht die Zwischenspeicherung von Energie, den sektorenvariablen Einsatz z. B. von Biogas oder Windgas und die Flexibilisierung des Stromsystems zur Einbindung schwankender Einspeisung. Darüber hinaus erhöht Sektorenkopplung die Effizienz und Versorgungssicherheit durch Nutzung der schon vorhandenen Gasinfrastruktur. Dabei liegt der optimale Entwicklungspfad nicht in der radikalen Elektrifizierung des Wärme- und Mobilitätsbereichs und auch nicht in einer reinen Versorgung mit Wasserstoff. Zielführend ist die Zusammenführung dieser Positionen und die Einbeziehung des Wärmebereichs.

Sektorenkopplung – Aus der Strom(erzeugungs)- eine Energiewende machen

Sektorenkopplung bedeutet, dass wir erneuerbare Energien in alle Sektoren tragen und nicht nur im Strom-, sondern auch im Mobilitätsund Wärmesektor sowie für Industrieanwendungen nutzbar machen. Klimafreundliche Energie sollte frei über und durch alle Infrastrukturen fließen. Das vorhandene Gasnetz kann in diesem Kontext als Transport- und Speicherinfrastruktur genutzt werden. Dadurch lässt sich teilweise auch der Stromnetzausbaubedarf begrenzen. Wasserstoff aus erneuerbaren Energien ist das Bindeglied für eine sektorenübergreifende Energiewende. Mithilfe der Umwandlung und Speicherung von EE-Strom in Wasserstoff öffnen sich die Tore zu anderen Sektoren: Busse, Lkw, Züge, sogar Schiffe und Fähren lassen sich damit antreiben, Wohnungen und Betriebsstätten beheizen oder auch der Wasserstoff in das Gasnetz einspeisen. Technisch wie wirtschaftlich sind die Weichen dafür gestellt: Wir können mit der PEM-Elektrolyse heute Wasserstoff im industriellen Maßstab hocheffizient und kostengünstig aus EE-Strom gewinnen. Als Unternehmen für erneuerbare Energien gehen wir voran und werden in einem Wasserstoff-Mobilitätsprojekt mit Partnern aus Schleswig-Holstein zeigen, dass Wasserstoff ein sauberer Treibstoff für den ÖPNV sein kann.