Politik

Dialog für das Energiesystem der Zukunft

DVGW (Fotograf: Georg Lopata)

Kamen anlässlich der Ergebnispräsentation des "Energie-Impuls" am 6. September 2017 nach Berlin (v. l. n. r.): Reinhard Otten (Audi AG), Prof. Dr. Gerald Linke (DVGW), Barbara Minderjahn (VIK), Frank Peter (Agora Energiewende), Dr. Peter Röttgen (BEE), Matthias Dümpelmann (8KU)

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Mit seiner Dialogserie „Energie-Impuls“ hat der DVGW den Austausch zwischen Akteuren der Energiewende auf interdisziplinärer Ebene angestoßen. Zwischen Mai und September 2017 diskutierten ca. 300 Experten aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Verbänden und Nichtregierungsorganisationen (NGO) über die notwendigen Rahmenbedingungen für den weiteren Transformationsprozess des Energiesystems in Deutschland. In verschiedenen, mit hochkarätigen Experten besetzten Foren ging es um die zentrale Forderung, Erdgas und grüne Gase stärker in das Energiesystem einzubeziehen, um sowohl die kurz- als auch die langfristigen Klimaziele zu erreichen.

Im Mittelpunkt der Diskussion stand die sogenannte Energiewende-Trias, bestehend aus der Ablösung von Kohle und Öl durch Gase in allen Sektoren (Fuel-Switch), der kontinuierlichen Steigerung des Anteils grüner Gase im Gasgemisch bzw. im Gasnetz (Content-Switch) und der sektorenübergreifenden Verbindung der Infrastrukturen (Modal-Switch).

Klimaschutz wird auf verschiedenen Wegen erreicht

Auf der Veranstaltung zur Ergebnisvorstellung mit über 100 Teilnehmern am 6. September 2017 in Berlin erörterten zunächst Vertreter aus der Automobilbranche, der Industrie und kommunaler Energieversorger ihre spezifischen Wege zum Erreichen der Klimaschutzziele. Deutlich wurde dabei, dass anstelle einer einzigen Lösung verschiedene Wege zum Ziel führen: In der Wärmeversorgung, erläuterte Matthias Dümpelmann vom Stadtwerkeverbund 8KU, müsse von den Infrastrukturen her gedacht und den spezifischen Situationen, z. B. in Ballungsräumen oder im Geschossbau, Rechnung getragen werden. Die leitungsgebundene Wärmeversorgung böte ausreichende Optionen zur Dekarbonisierung des Wärmemarktes.

Reinhard Otten (Audi AG) betonte, dass man nun verstärkt Ideen ausprobiere, um praktische Erfahrungen zu sammeln. Gute Erfahrungen habe man mit synthetischem Methan aus Power-to-Gas-Anlagen als Ergänzung zur Elektromobilität gesammelt. Für die energieintensive Industrie sei es von entscheidender Bedeutung, so Barbara Minderjahn vom Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft e. V. (VIK), dass neue Technologien zur Verfügung stehen, die zu wirtschaftlichen Konditionen CO2-arme Prozessenergie bereitstellen. Energieintensive Verarbeitungsschritte wie z. B. die Stahlschmelze können nicht elektrifiziert werden. Diese Abläufe mit CO2-armem synthetischem Gas zu betreiben, sei aktuell jedoch noch zu teuer.

"Der Fokus für die Entwicklung leistungsfähiger Energieinfrastruktur darf nicht allein auf dem Ausbau von Stromnetzen und Erneuerbare-Energien-Anlagen liegen."
Prof. Dr. Gerald Linke

Deutlich wurde noch einmal, dass Gase und Gasinfrastrukturen einen bedeutenden Beitrag zur Dekarbonisierung leisten können. In der kommenden Legislaturperiode müssen daher Steuern, Abgaben und Umlagen auf Energie zügig neu strukturiert werden. „Der Fokus für die Entwicklung leistungsfähiger Energieinfrastruktur darf nicht allein auf dem Ausbau von Stromnetzen und Erneuerbare-Energien-Anlagen liegen. Im Sinne eines ‚level playing field‘ der Technologien und Lösungen sollten Anreize für Investitionen in CO2-einsparende, systemdienliche und Flexibilität ermöglichende Technologien und Infrastrukturen geschaffen werden. Der Nutzung existierender Infrastrukturen sollte dabei Vorrang eingeräumt werden. Ziel muss es sein, dass wichtige komplementäre Aspekte der vorhandenen Infrastrukturen wie Gasnetze oder Anlagen der Kraft-Wärme-Kopplung in einer einheitlichen regulatorischen Planung eingeschlossen sind“, sagte Prof. Dr. Gerald Linke.

Gerade Technologien wie Power-to-Gas und andere Sektorenkopplungselemente dürften energierechtlich nicht als Letztverbraucher eingestuft werden. „Sie müssen entsprechend ihrer systemischen Funktion im Ordnungsrahmen als verbindendes und tragendes Element der Sektoren behandelt werden. Das heißt, dass sie damit auch von Umlagen, Abgaben oder Steuern, die im Zusammenhang mit Erzeugung, Transport oder Verbrauch von Energie stehen, weitgehend ausgenommen werden sollten. Nur so kann aus einer Stromerzeugungswende über eine umfassende Sektorenkopplung eine echte Energiewende werden, die kosteneffizient und sozialverträglich ist“, so Linke.

Auch die bislang strikt sektoral konzipierte Netzentwicklungsplanung für Strom und Gas muss demnach grundlegend reformiert werden. Um die Voraussetzung für eine bidirektionale Sektorenkopplung zu schaffen, muss statt eines Netzentwicklungsplans (NEP) Strom und eines parallel fortgeschriebenen NEP Gas künftig ein gemeinsamer Netzentwicklungsplan (Quer-NEP) für die zentralen  Netzinfrastrukturen erarbeitet werden. Darüber hinaus sollten für ein zunehmend dezentrales und digitalisiertes Energiesystem auch die Verteilnetze von Strom und Gas dezentral von den Akteuren vor Ort gemeinsam geplant und somit strukturell gekoppelt werden.

Neue Technologien zur Dekarbonisierung

In der folgenden Podiumsdiskussion betonte Dr. Peter Röttgen (Bundesverband Erneuerbare Energie e. V.), dass es jetzt darauf ankomme, wirklich regenerative Gase in die Netze einzuspeisen und einen Umstiegsplan vorzulegen. Auch Kristina Haverkamp (Deutsche Energie-Agentur), verwies darauf, dass die vorhandene Infrastruktur gepflegt werden solle – nicht zuletzt, da ein Industrieland wie Deutschland nicht auf Gas verzichten könne. Damit die Gasnetze auch in Zukunft ausgelastet sind, müssten jedoch mehr grüne Gase Anwendung finden. Frank Peter (Agora Energiewende) ermunterte dazu, neue Technologien zur Dekarbonisierung zu entwickeln und auszuprobieren. Abschließend appellierte Prof. Dr. Gerald Linke, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Gas nicht ins Abseits drängen. Entscheidend für das Erreichen der Klimaschutzziele sei es, dass nicht länger jede Klientel für sich denkt, sondern verlässliche Rahmenbedingungen für alle klimaschonenden Energieträger geschaffen werden. Auch müssten die deutschen Initiativen europaweit anschlussfähig sein; dies gelte z. B. bei der Einspeisungen von Wasserstoff ins Gasnetz.

Der DVGW hat mit der Dialogserie „Energie-Impuls“ eine inhaltlich neue, qualitativ hochwertige und politisch anschlussfähige Botschaft vorgelegt. Die Erkenntnisse des „Energie-Impulses“ werden durch Studien vertieft und ausgebaut. Es ist vorgesehen, sie anlässlich der Klimakonferenz im November 2017 in Bonn dem internationalen Publikum vorzustellen.

Weitere Informationen zum Energie-Impuls

 

Unter www.dvgw-energie-impuls.de finden Sie weitere Informationen, die Broschüre und kompakte Fact-Sheets zum Download. Der Live-Stream der Ergebnisvorstellung vom 6. September 2017 in Berlin ist auf dem DVGW-YouTube-Kanal unter www.youtube.com/user/DerDVGW abrufbar.