Politik

Die Wärmewende muss keine Fiktion bleiben

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Durch den Einsatz hocheffizienter Technologien und regenerativer Gase können die Emissionen im Wärmemarkt erheblich gesenkt werden.

Die Energiewende ist ein Projekt, das alle Bereiche unseres Lebens beeinflusst. Nicht nur politische, sondern auch private Entscheidungen tragen zum Gelingen oder Scheitern bei. Mit der Neugestaltung unseres Energiesystems wollen wir vor allem eines erreichen: mehr Klimaschutz. Leider ist aber bereits heute absehbar, dass Deutschland trotz Energiewende die selbst gesteckten Klimaziele für 2020 verfehlen wird.

Schnell umsetzbare und bezahlbare Lösungen zur Senkung der Emissionen sind daher dringend nötig. Der Wärmesektor ist hier auf einem guten Weg, hat aber auch noch viele ungenutzte Potenziale.

Der Energieträger Gas kann sowohl im Neubau als auch im Bestand einen wichtigen Beitrag für eine günstige und klimaschonende Wärmeversorgung leisten. Konkrete Maßnahmen wie die Raustauschwochen können entsprechende Impulse geben.

von: Dr. Timm Kehler, Zukunft ERDGAS e. V., Berlin

Im Koalitionsvertrag bekennt sich die Politik zur steuerlichen Förderung der energetischen Gebäudesanierung. Entscheidend ist, dies jetzt wirksam umzusetzen, damit technologieoffen nach der umweltfreundlichsten und wirtschaftlichsten Lösung gesucht werden kann. Effiziente Gasheizungen und Erdgastechnologien wie die Brennstoffzelle oder das Power-to-Gas-Verfahren zeigen: Erdgas ist schon heute zukunftsträchtiger Energieträger und starker Partner der Erneuerbaren im Wärmemarkt. Unser Ziel sollte daher nicht sein, eine vollständig elektrifizierte Welt zu erschaffen. Vielmehr müssen wir alle uns zur Verfügung stehenden Technologien nutzen, um bezahlbaren Klimaschutz zu ermöglichen und die Klimaziele so kosteneffizient zu erreichen. Der Leitsatz muss lauten: Mit den geringsten Mitteln die größten Effekte erzielen.

Der Status Quo: Großes Potenzial im Wärmemarkt

Etwa 40 Prozent des deutschen Energieverbrauchs und etwa ein Drittel der CO2-Emissionen entfallen auf den Gebäudebestand. Rund 85 Prozent des häuslichen Energieverbrauchs werden für Heizwärme und Warmwasserbereitung verwendet. Obwohl der Wärmemarkt einer der Vorreiter beim Klimaschutz ist – bis 2015 wurden immerhin bereits rund 30 Prozent CO2 im Vergleich zum Referenzjahr 1990 eingespart – liegt ein Großteil des Weges für eine gelingende Wärmewende noch vor uns.

Auf Gas basierende Heizsysteme sind mit mehr als 50 Prozent Anteil am Heizungsbestand marktführend. Und dieser Anteil wächst, denn im Bestand und auch im Neubau verzeichnen Erdgasheizungen beständig sehr hohe Absatzzahlen. Deutschlandweit sind aber immer noch drei von vier Heizungen veraltet. Das sind rund 13 Millionen Heizungen, die nicht dem Stand der Technik entsprechen und somit deutlich mehr Energie und Emissionen ausstoßen als ihre modernen Pendants. Das Fazit: In unseren Heizungskellern schlummert enormes Potenzial zur schnellen und kosteneffizienten Emissionsminderung. Gerade die anstehende Marktraumumstellung mit rund 6 Mio. Kundenkontakte kann ein wichtiger Treiber für den Heizungstausch sein.

Die richtigen Klimaschutz-Maßnahmen wählen: Beispiel Raustauschwochen

Bei den Möglichkeiten zur Sanierung setzt die neue Bundesregierung auf Technologieoffenheit: Maßnahmen an der Gebäudehülle, Verbesserung der Anlagentechnik oder Einsatz erneuerbarer Energien. Das spiegelt sich jedoch nicht in der aktuellen Gesetzgebung wider. Das Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz für Neubauten (EEWärmeG-Neubau) legt den Fokus auf die Sanierung der Gebäudehülle. Das Resultat ist ein Investitionsstau, denn die Höhe der Investitionserfordernisse verschreckt viele Eigentümer. Zudem amortisieren sich die Investitionen in die Gebäudehülle in den meisten Fällen erst nach Jahrzehnten – laut dem Institut für Technische Gebäudeausrüstung Dresden kann dies bis zu 47 Jahre dauern. So wird weitere Investitionskraft auf lange Zeit gebunden und fehlt für zusätzlich notwendige Maßnahmen. Dadurch wird klar: Die finanzielle Situation der Hauseigner muss bei den Klimaschutzmaßnahmen mitgedacht werden.

Effizienter wäre es, den Modernisierungsstau im Heizungskeller anzugehen. Bislang werden nur rund 3 Prozent der alten Heizgeräte pro Jahr erneuert. Sollte sich diese Rate nicht erhöhen, können wir bis zum Jahr 2020 nur etwa 30 Prozent des angestrebten CO2-Minderungsziels erreichen.

Eine sehr gute Chance, Modernisierungen voranzutreiben und die Heizungskeller somit effizient zu machen, ist die im Nordwesten Deutschlands notwendige Marktraumumstellung, also die Umstellung der Gasversorgung von energieärmerem auf energiereicheres Erdgas über die nächsten zehn Jahre. Insgesamt müssen in dieser Region rund 5,5 Millionen Gasgeräte angepasst werden. Mit dem Kesseltauschprogramm Raustauschwochen nutzt Zukunft ERDGAS die Marktraumumstellung, um Hausbesitzer auf das Effizienzpotenzial von Heizungsmodernisierungen aufmerksam zu machen.

"Ein großer Hebel zum Erreichen des ehrgeizigen CO2-Reduktionsziels liegt im steigenden Einsatz regenerativer Gase. Wenn es uns gelingt, deren Anteil bis zum Jahr 2050 auf 35 Prozent zu erhöhen, sind 80 Prozent weniger CO2 im Gebäudesektor möglich."

Rund 65 Tonnen CO2 spart eine moderne Gas-Brennwertheizung bei einer Lebensdauer von 20 Jahren gegenüber einem alten Kessel. Im Jahr 2017 wurden im Rahmen der Raustauschwochen 4.200 alte Heizkessel getauscht. Die gesamten CO2-Einsparungen, die durch die Aktion erzielt werden, summieren sich demnach auf stolze 273.000 Tonnen. Bei einem Pro-Kopf-Verbrauch von 9,1 kg CO2 im Jahr 2017 entspricht dies in etwa dem Jahresausstoß einer deutschen Kleinstadt mit 30.000 Einwohnern.
 

Die Wärmewende kann gelingen

Die Wärmewende muss keine Fiktion bleiben. 81 Prozent weniger CO2-Emissionen im Gebäudebereich sind realisierbar, wie unsere Studie Wärmemarkt 2050 bestätigt. Der Bestand an Wohngebäuden kann das für den Wärmemarkt anvisierte Klimaziel von 80 Prozent CO2-Reduktion ohne Systembrüche erreichen. Durch den Einsatz von Erdgas wird dies kostengünstig und damit sozialverträglich möglich.

Ein großer Hebel zum Erreichen des ehrgeizigen CO2-Reduktionsziels liegt im steigenden Einsatz regenerativer Gase. Wenn es uns gelingt, deren Anteil bis zum Jahr 2050 auf 35 Prozent zu erhöhen, sind 80 Prozent weniger CO2 im Gebäudesektor möglich. Eine Schlüsselrolle werden dabei hocheffiziente Gastechnologien wie die Brennstoffzelle und Power-to-Gas spielen. Mit letzterer kann überschüssiger Strom aus Wind- und Sonnenenergie mittels Elektrolyse in Gas umgewandelt und anschließend im Gasnetz gespeichert und transportiert werden. So kann der Anteil von synthetischem Gas im Jahr 2050 30 Prozent betragen, der Anteil von Biomethan rund 5 Prozent. Diese Beimischung könnte 16 Millionen Tonnen CO2 einsparen. Dadurch würde der Energieträger Erdgas stetig grüner und die Zukunftsfähigkeit der Gasheizung damit gewährleistet.
 

Die nächsten Schritte: Marktraumumstellung als Chance

Über alle Sektoren hinweg sollen die CO2-Emissionen in Deutschland bis zum Jahr 2050 um mindestens 80 bis 95 Prozent im Vergleich zum Jahr 1990 sinken. Ein ambitioniertes aber notwendiges Ziel zum Schutz des Klimas. Damit der Wärmesektor seinen Teil zum Erfolg der Energie- und damit der Klimawende beitragen kann, müssen effiziente Technologien mit bezahlbaren Lösungen kombiniert werden. Gleichzeitig muss die Versorgungssicherheit jederzeit garantiert werden. Die Gasinfrastruktur kann beides leisten.

Klar messbare Größen, die den Erfolg der Klimaschutzanstrengungen sichtbar machen, bewirken eine zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz. Aus diesem Grund muss die effiziente CO2-Einsparung endlich zur zentralen Leitgröße der Klimapolitik werden. Vor allem im Bereich der energetischen Gebäudesanierung gilt es, das ungenutzte Potenzial zur Emissionssenkung zu heben. Maßnahmen wie die Raustauschwochen, die nun auch im Zuge der L-H-Gas Marktumstellung ausgerollt werden, können den notwendigen Impuls geben und zusammen mit einer zielgerichteten und technologieoffenen Förderung von effizienten Heizungsanlagen wirksamen Anreize zur CO2-Minderung im Wärmemarkt verstärken. Die Wärmewende kann gelingen. Beginnen muss sie im Heizungskeller.

Über den Autor

Dr. Timm Kehler ist Vorstand von Zukunft ERDGAS e.V., der Initiative der deutschen Gaswirtschaft. Hinter Zukunft ERDGAS stehen führende Unternehmen der Erdgaswirtschaft wie Importeure, Regionalversorger und Stadtwerke. Von 2009 bis 2015 war Dr. Kehler Sprecher der Geschäftsführung der erdgas mobil GmbH, deren Geschäft heute von Zukunft ERDGAS fortgeführt wird. Der promovierte Maschinenbauer und Industriedesigner war zuvor über zwölf Jahre bei der BMW Group in verschiedenen Führungspositionen tätig – u. a. in den Bereichen Design, Marken- und Produktstrategie sowie Marketing.

Kontakt über:
Christina Heß
Zukunft Erdgas e. V.
Pressesprecherin
Tel.: 030 4606015-63
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