Politik

„Unser Engagement führt zu einem Plus an Kompetenz"

wvgw/Martin Schramm

Die "DVGW energie | wasser-praxis" im Gespräch mit Dr. Dennis Rendschmidt, Leiter Ordnungspolitik, Presse und Öffentlichkeitsarbeit im DVGW

Klima- und Energiethemen bestimmen die politische Agenda mehr denn je: Die Bundesregierung hat das Klimapaket verabschiedet, das Bundeswirtschaftsministerium führt den Dialogprozess Gas 2030 und das Bundesumweltministerium hat den Nationalen Wasserdialog ins Leben gerufen. Wir haben mit Dr. Dennis Rendschmidt, Leiter Ordnungspolitik, Presse und Öffentlichkeitsarbeit im DVGW, über die energie- und wasserpolitischen Weichenstellungen gesprochen.

Herr Dr. Rendschmidt, es sieht so aus, als ob Gas und die Gasinfrastruktur zunehmend als Teil der Lösung beim Umbau unseres Energiesystems gesehen werden und der Wert unseres Trinkwassers wieder stärker ins gesellschaftliche und politische Bewusstsein gerückt ist. Aus DVGW-Sicht könnte man sagen „es läuft“. Inwieweit hat sich der DVGW an diesem Dialogprozess beteiligt und welchen Anteil hat Ihre Arbeit in Bonn und Berlin an dieser Entwicklung?

In die komplexen politischen Entscheidungsfindungen bringen wir die wissenschaftliche Kompetenz und technische Expertise des DVGW ein. Denn als technisch-wissenschaftlicher Verein sind wir einerseits ein gefragter Gesprächspartner, um unser fundiertes Fachwissen auch in Richtung Politik zu transportieren. Andererseits braucht es ein Verständnis für politische Diskussionen, um diese Botschaften wirksam platzieren zu können. Einer unserer Ansätze ist es, die im DVGW an unterschiedlichen Stellen generierten Erkenntnisse und Innovationen zu bündeln und für Politik und Medien aufzubereiten. Dass diese Fakten dabei helfen können, gute Entscheidungen z. B. für eine zukunftsfähige, sichere und bezahlbare Energieversorgung oder eine nachhaltige Wasserversorgung zu treffen, wird zunehmend auch in Berlin und Brüssel erkannt.
 

Welche Formate nutzen Sie, um Politik und Medien in Berlin und Brüssel für die eigenen Ideen zu gewinnen?

Unsere tägliche Herausforderung ist es, die fachliche Komplexität so aufzubrechen, dass das Potenzial unserer Lösungen erkannt wird und in politische Entscheidungen einfließen kann. Als Schnittstelle des DVGW zur Politik sind wir im regelmäßigen Austausch mit Ministerien und Parlamenten. Dazu haben wir eine Reihe neuer Formate aufgelegt oder weiterentwickelt: In der Summer School z. B. vermitteln wir politischen Vertretern eigens für sie aufbereitete aktuelle Informationen zu Energie- und Wasserthemen. In Positionspapieren, Statements und Pressegesprächen legen wir unsere Argumente Meinungsbildern und Multiplikatoren dar. Mit prägnanten Botschaften zum Wasser-Impuls ist es etwa gelungen, zentrale Botschaften für eine nachhaltige Wasserversorgung in Funk- und Printmedien zu kommunizieren. Auch zu Behörden und anderen Verbänden pflegen wir den Kontakt und nutzen, wo immer es geht, Synergien, um Meinungen zu bündeln und mehr Gehör zu finden. Unser Engagement hat schon jetzt zu einem Plus an Kompetenz auf beiden Seiten geführt.
 

Welche zählbaren Erfolge gibt es denn?

Im Energiekonzept 2010 haben Gas und die Gasinfrastruktur noch überhaupt keine Rolle gespielt. Das hat sich definitiv geändert. Heute sprechen wir über die ersten Ergebnisse eines vom Bundeswirtschaftsministerium durchgeführten Dialogprozesses Gas 2030. In diese von einer Expertengruppe ausgearbeitete Strategie konnte der DVGW nicht nur seine Expertise mit einbringen. Es ist vielmehr gelungen, gasförmige Energieträger auch langfristig als integralen Bestandteil der Energiewende zu verorten und sie als einen unverzichtbaren Stützpfeiler eines auch vom DVGW favorisierten Transformationsprozesses hin zu einer im Wesentlichen CO2-freien bzw. -neutralen Gasversorgung zu positionieren. Wer hätte gedacht, dass unser Bundeswirtschaftsminister Gas einmal als „sexy“ bezeichnet? Vor wenigen Wochen hat er es getan.
 

Und auf der Wasserseite?

Ist der politische Dialog etwas anders gelagert. Unsere Versorgung mit erstklassigem Trinkwasser wird von den meisten Menschen als Selbstverständlichkeit wahrgenommen. Und über Selbstverständliches wird – auch in der Politik – meistens nicht gesprochen. Die beiden trockenen und heißen Sommer 2018 und 2019 haben den Versorgern, aber auch Menschen in besonders betroffenen Regionen die Verwundbarkeit unserer Trinkwasserversorgung aufgezeigt. Die Extremwetter-Ereignisse der letzten zwei Jahre haben aber auch in der Politik ein Umdenken bewirkt. Entsprechend kommt unser Wasser-Impuls zum richtigen Zeitpunkt. Mit den darin enthaltenen fünf Kernforderungen wollen wir im Schulterschluss mit den maßgeblichen Akteuren aus Politik, Landwirtschaft, Industrie und Gesellschaft für mehr Achtsamkeit gegenüber unserem wichtigsten Lebensmittel werben und die Wasserversorgung in Deutschland zukunftssicher aufstellen. Wasserpolitik spielt sich darüber hinaus oftmals auf regionaler oder auf europäischer Ebene ab.
 

Was genau verbirgt sich hinter den fünf Kernforderungen und wie tragen Sie diese an Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit heran?

Wir müssen allen relevanten Akteuren klarmachen, dass wir die vor uns stehenden Herausforderungen nur gemeinsam bewältigen können. Unsere fünf Kernforderungen – die bessere Umsetzung des Vorrangs der Trinkwasserversorgung, die Minimierung von Einträgen, die Einhaltung des DVGW-Regelwerkes, den Erhalt des Anlagenwertes sowie das Erstellen von Zukunftsbildern – stellen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe dar, die die Wasserversorger nicht alleine lösen können. Deshalb werben wir dafür, intensiver miteinander ins Gespräch zu kommen und im konstruktiven Dialog mit den politisch Verantwortlichen die Rahmenbedingungen für die Trinkwasserversorgung zu verbessern und an künftigen Anforderungen auszurichten. Dazu dienen uns verschiedene Aktivitäten und Formate. So arbeiten wir z. B. im Nationalen Wasserdialog des Bundesumweltministeriums mit; wir bringen im Rahmen unseres Wasser-Impulses Experten mit politischen Entscheidungsträgern in Berlin zusammen. Auf europäischer Ebene sorgen wir gemeinsam mit dem BDEW in Parlamentarischen Treffen in Brüssel dafür, dass unsere Botschaften Gehör finden und in die aktuellen Gesetzesvorhaben einfließen.
 

Zurück zur Energiewirtschaft. Der DVGW fordert ein gesetzlich verankertes Grüngasziel. Was konkret möchten Sie politisch geregelt haben und wie steht die Branche dazu?

Um die Klimaschutz- und Energiewendeziele wirtschaftlich und schnell zu erreichen, müssen grüne Gase jetzt zügig ins Energiesystem gebracht werden. Dazu ist es erforderlich, dass eine politische Zielvorgabe für grüne Gase im Energiesystem gesetzlich verankert wird. Wichtig ist auch, dass sich der politische Zielwert am technisch Machbaren orientiert. Aktuell sind die Netze für Wasserstoffanteile von bis zu 10 Volumenprozent gewappnet. Perspektivisch wollen wir rund 20 Prozent Wasserstoff in den Netzen und Anwendungen haben. In der Praxis werden konkrete Projekte vorwärtsgetrieben: Erst Ende Oktober 2019 haben wir hierzu den Startschuss für ein Forschungsprojekt mit Avacon zur Beimischung im Verteilnetz gegeben, und die Arbeiten an Regelwerken für höhere Wasserstoffanteile sind in vollem Gange. Solche wichtigen Entwicklungen sind auch kommunikativ und politisch zu begleiten.
 

Frage zum Schluss: 2019 war ein Jahr wichtiger energiepolitischer Weichenstellungen. Welches Resümee ziehen Sie und welche Erwartungen haben Sie für das kommende Jahr?

Das vom Bundeswirtschaftsministerium erarbeitete Papier zu Gas 2030 ist ein klares Bekenntnis zu Erdgas und grünen Gasen. Mitte November 2019 wurde zudem das Klimaschutzgesetz ratifiziert. Darauf werden wir unsere künftige fachpolitische Arbeit aufbauen. Das umfasst z. B. auch eine „Roadmap Gas 2050“, die der DVGW auf Basis der politischen Beschlüsse zur Energiewende entwickeln wird. Natürlich spielt dafür auch die Nationale Wasserstoffstrategie der Bundesregierung, die dieses Jahr noch kommt, eine wichtige Rolle. Im zweiten Halbjahr 2020 wird Deutschland die Ratspräsidentschaft der EU innehaben. Diese Herausforderungen und Chancen wollen wir ergreifen.