Politik

Zu viel Nitrat im Grundwasser

the Photos - Fotolia

Hauptverursacher der Nitratbelastung ist die Landwirtschaft. Bei der Düngung im Pflanzenbau gelangt zu viel Nitrat auf die Felder.

Seite 1 von 3

von Prof. Dr. Gerald Linke, Vorstandsvorsitzender des DVGW

Rund 6.000 Wasserversorgungsunternehmen in Deutschland liefern täglich Trinkwasser in bester Qualität an rund 82 Millionen Bundesbürger. Das Gesundheitsministerium bestätigt seit vielen Jahren, dass die strengen Anforderungen der Trinkwasserverordnung eingehalten werden. Doch ein Thema bleibt nach wie vor besorgniserregend: die Nitratbelastung des Grundwassers – mit rund 70 Prozent die wichtigste Trinkwasserressource in Deutschland.

Zum Schutz der menschlichen Gesundheit und Umwelt wurde der Schwellenwert für Nitrat in der Grundwasserverordnung auf 50 mg/l festgesetzt. Doch in einigen Regionen in Deutschland werden inzwischen alarmierende Nitratwerte im Grundwasser gemessen: Rund 50 Prozent der Grundwassermessstellen wiesen im Zeitraum 2012 bis 2014 erhöhte Nitratkonzentrationen auf, bei 28 Prozent lagen sie sogar über 50 mg/1. Das schadet nicht nur der Umwelt, sondern könnte für die Verbraucherinnen und Verbraucher immer höhere Kosten bedeuten: Um die gesetzlichen Vorgaben der Trinkwasserverordnung einhalten zu können, müssen Wasserversorger bereits heute zusätzliche Maßnahmen ergreifen. Zukünftig könnte die Trinkwasseraufbereitung noch aufwendiger und kostenintensiver werden. Damit droht nach einer aktuellen Studie des Umweltbundesamtes ein Anstieg des Trinkwasserpreises in den betroffenen Regionen um bis zu 45 Prozent.

Intensive Landwirtschaft als Hauptverursacher des Nitratproblems

Hauptverursacher der Nitratbelastung ist die Landwirtschaft. Bei der Düngung im Pflanzenbau gelangt zu viel Nitrat auf die Felder. Dieses „zu viel“ stammt v. a. aus der intensiven Tierhaltung. Hier fallen oft so große Mengen an Gülle und Mist an, dass diese auf den verfügbaren landwirtschaftlichen Flächen nicht mehr in pflanzenbaulich sinnvoller und ökologisch verträglicher Weise als Dünger verwertet werden können. Gleichzeitig floriert der Gülltetourismus: Nach Angaben der Universität Wageningen wurden allein 2016 zwei Millionen Tonnen Wirtschaftsdünger aus den Niederlanden auf deutschen Äckern entsorgt. Das entspricht 66.600 Lkw-Ladungen.

"Eine radikale Trendwende ist nötig, damit endlich geeignete Maßnahmen gegen die Gewässerverunreinigung durch Nitrat ergriffen werden."

Das natürliche Nitratabbauvermögen der Böden und der grundwasserführenden Sediment- und Gesteinsschichten ist in einigen Regionen bereits erschöpft, sodass Nitrateinträge ins Grundwasser nicht mehr abgepuffert werden können. In diesen Fällen können die Nitratkonzentrationen im Grundwasser auch bei gleichbleibenden oder gar sinkenden Nitratausträgen weiter steigen.

Es hilft also nur eine radikale Trendwende. Gestützt wird diese Forderung durch die Klage der Europäischen Kommission gegen Deutschland wegen unzureichender Umsetzung der EU-Nitratrichtlinie. Demnach hat es Deutschland in den letzten 25 Jahren versäumt, geeignete Maßnahmen gegen die Gewässerverunreinigung durch Nitrat zu ergreifen und seine einschlägigen Rechtsvorschriften entsprechend anzupassen.

Düngerecht ist nicht weitreichend genug

Anfang 2017 wurde das Düngerecht umfassend novelliert und sieht nun eine Reihe von strengeren Regeln für die Landwirtschaft vor. Ziel ist es, die Umweltbelastungen durch die Landwirtschaft zu reduzieren. Aus Sicht des Gewässerschutzes sind die neuen Regelungen jedoch in keiner Weise der erhoffte große Wurf, sondern nur ein Schritt in die richtige Richtung. Positiv zu bewerten sind z. B. die einheitlichen Vorgaben zur Ermittlung des Düngebedarfs, die Absenkung des Zielwertes für Stickstoffüberschüsse auf 50 kg je Hektar und Jahr oder die Verpflichtung der Länder, in bereits besonders nitratbelasteten Gebieten strengere Anforderungen an die Düngung vorzuschreiben.

 

Doch in wesentlichen Punkten greifen die Neuregelungen viel zu kurz: So können die Bundesländer für ihre Aktivitäten in den bereits nitratbelasteten Gebieten nur aus einem kleinen und wenig wirkungsvollen Set von Maßnahmen auswählen, das ihnen der Bund vorgibt. Weiterhin ist die geplante Begrenzung der zulässigen Stickstoffüberschüsse völlig unzureichend. Aller Voraussicht nach werden die zulässigen Nährstoffüberschüsse nur für wenige Betriebe gelten und gerade für die aus Gewässerschutzsicht besonders problematischen Betriebe mit hohem Viehbesatz viel zu hoch sein. Eine wirksame Begrenzung der Überschüsse zur Reduzierung der Nitratausträge findet da, wo sie dringend gebraucht wird, nicht statt.

Aktiv im Sinne des Gewässerschutzes

Mit der Expertise seiner Fachgremien hat der DVGW Stoffstrombilanzen für verschiedene Betriebe und Betriebstypen gemäß dem neuen Verordnungsentwurf berechnet. Dabei sind wir zu alarmierenden Ergebnissen gekommen: Für viehhaltende Betriebe sind Bilanzwerte von 150 kg Stickstoff je Hektar und Jahr zulässig. Mit steigender Viehbesatzdichte nehmen die Bilanzwerte sogar weiter zu. Der Zielwert von 50 mg Nitrat je Liter im Grundwasser lässt sich jedoch nur erreichen, wenn im mehrjährigen Mittel Stickstoffüberschüsse von 60 Kilogramm je Hektar nicht überschritten werden. Erneut wird also eine Chance vertan, das Düngerecht mit den Anforderungen des Gewässerschutzes zu verzahnen.

Proaktiv und gemeinsam mit unseren Partnerverbänden arbeiten wir daran, dass die dringend notwendige und seit Jahrzehnten überfällige Kurskorrektur in Sachen Nitrat endlich herbeigeführt wird und die gesetzlichen Rahmenbedingungen im Sinne des Gewässerschutzes nachgebessert werden. Unser Engagement ist dabei weitaufgespannt: Bereits seit 1993 sind die Positionen des DVGW zum Thema artikuliert und werden fortlaufend weiterentwickelt. Sie dienen als Basis für unsere Interventionen im politischen Raum. Mit dem nachlassenden Nitratabbauvermögen haben wir uns in einem umfangreichen Forschungsvorhaben befasst und einem praxisbezogenen Modul zur Bewertung der Nitratbelastungssituation bei den Wasserversorgungsunternehmen den Weg geebnet. Pilotprojekte unserer Landesgruppen erproben Lösungsansätze im Zusammenspiel von Landwirtschaft und Wasserwirtschaft. Mit dem jüngsten, im November 2016 gestarteten Projekt – der Grundwasserdatenbank Nitrat – verfolgen wir das Ziel, die konkrete Belastungssituation der Trinkwasserressourcen in Deutschland aufzuzeigen. Gemeinsam mit BDEW und VKU gehen wir hier neue Wege, um das landwirtschaftliche Fachrecht auf den richtigen Kurs zu bringen. Und dies heißt für uns, dass eine gewässerschützende  Landbewirtschaftung umgehend realisiert werden muss.

Unsere Grundwasserressourcen sind unverzichtbare Basis für die Trinkwasserversorgung. Es liegt deshalb im Interesse von uns allen, ihr Vorkommen flächendeckend vor anthropogenen Einträgen zu schützen und Belastungen weitestgehend auszuschließen bzw. zu minimieren.