Sektorenkopplung

Die Zukunft des Gasnetzes

NBB Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg mbH & Co. KG

»Die heutige Gasnetzinfrastruktur gibt bereits die Antworten auf die Fragen der Energiespeicherung und des Energietransports«, sagt Maik Wortmeier.

Die Redaktion der „DVGW energie | wasser-praxis“ im Gespräch mit Maik Wortmeier, Vorsitzender der Geschäftsführung der NBB Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg mbH & Co. KG

Herr Wortmeier, die NBB betreibt das Gasnetz im Raum Berlin-Brandenburg und versorgt über 300.000 Netzanschlüsse mit Gas. Mit der Energiewende verändern sich die Anforderungen an das Gasnetz. Was ändert sich damit für die NBB?

Die NBB als Gasverteilnetzbetreiberin ist gefordert, die Energiewende aktiv zu begleiten. Es gilt, flexibel zu sein und auf den für einen Erfolg der Energiewende unverzichtbaren Beitrag des CO2-armen Energieträgers Erdgas als Brückentechnologie, aber auch besonders auf die Rolle der Gasnetzinfrastruktur als wesentliches Element für das Energieszenario der Zukunft hinzuweisen. Die heutige Gasnetzinfrastruktur gibt bereits die Antworten auf die Fragen der Energiespeicherung und des Energietransports von den ertragreichen Aufkommensquellen erneuerbarer Energien im Norden Deutschlands zu den energieintensiven Verbrauchszentren in der Mitte und im Süden der Republik. Die NBB beteiligt sich daher schon heute an Studien zum Thema Power-to-Gas und ist über die aktive Verbandsarbeit in die aktuellen Energiewendeaktivitäten eingebunden.

In welchen Sektoren sehen Sie zukünftig Ihre größten Absatzmärkte für Gas?

Wenn Sie von Gas sprechen, gehe ich davon aus, dass Sie bewusst die Beschränkung auf den Energieträger Erdgas vermeiden wollen. Die großen Absatzmärkte für Gas, zu dem neben Erdgas auch in immer stärkerem Maße grünes Gas zählen wird, sind natürlich weiterhin die Raumwärmeerzeugung, aber auch die dezentrale Kraft-Wärme-Kopplung, bei der neben Wärme auch mit hohen Wirkungsgraden (und damit ökologisch vorteilhaft) Strom erzeugt wird. Das Thema Gas als Kraftstoff zur Unterstützung der Energiewende im Mobilitätssektor wird sicher auch noch an Bedeutung gewinnen. Hier spricht die aktuell kritische Diskussion um die Dieseltechnologie eindeutig für den Energieträger Gas.

Noch wird Gas häufig als Energieträger im Wärmemarkt eingesetzt. Was muss getan werden, damit das auch in einem Energiesystem auf Basis erneuerbarer Energien so bleibt?

Hier möchte ich noch einmal auf die ökologischen Vorzüge der dezentralen Kraft-Wärme-Kopplung hinweisen. Der bereits angesprochene hohe Wirkungsgrad in Verbindung mit der Möglichkeit, dezentrale Anlagen bedarfsgerecht und damit emissionsarm dimensionieren zu können, spricht auch in der Zukunft für Gas als Energieträger im Wärmemarkt. Mit der Zunahme des Einsatzes von grünem Gas aus der Überschussproduktion erneuerbarer Aufkommensquellen wird Gas zwangsläufig in einem Energiesystem auf Basis erneuerbarer Energien eine wesentliche Rolle spielen.

Zukünftig soll immer mehr grünes Gas, also Wasserstoff oder Methan aus Power-to-Gas oder Biomethan, in die Gasnetze eingespeist werden. Ist die Einspeisung der erneuerbaren Gase in das Gasverteilnetz in großen Mengen technisch problemlos möglich?

Die Einspeisung von methanisiertem Wasserstoff – also Wasserstoff, dem CO2 zugesetzt wird, damit Erdgasqualität erreicht werden kann – ist für die Netzinfrastruktur in größten Mengen technisch unproblematisch. Bei der Einspeisung von reinem Wasserstoff in die Netzinfrastruktur sind noch technische Langzeiterfahrungen bzw. laufende Untersuchungen, z. B. durch den DVGW, abzuwarten. Daneben sind bei einer Durchmischung von Erdgas mit Wasserstoff in der Netzinfrastruktur auch noch Themen des Eichrechts aufgrund des unterschiedlichen Energiegehalts und der daraus resultierenden Brennwertunterschiede zu bearbeiten.

Sie haben sich mit der Mitnetz Strom und der Ontras Gastransport zusammengetan, um geeignete Standorte für Power-to-Gas-Anlagen in Brandenburg zu ermitteln. Sind Sie fündig geworden?

Ja wir haben geeignete Standorte identifiziert. Ziel war es, Regionen mit einem hohen Aufkommen an regenerativ erzeugtem Überschussstrom zu finden, in denen der Transport des Überschussstroms nur mit Netzausbaumaßnahmen im Fernleitungsnetz möglich wäre. Gleichzeitig sollte eine ausreichend groß dimensionierte Gasnetzinfrastruktur vorhanden sein, die ohne eine  netztechnische Verstärkung den zu Wasserstoff umgewandelten und methanisierten Überschussstrom sofort aufnehmen und in eine Energiesenke (wie z. B. die Hauptstadtregion) abtransportieren kann. Die technischen Möglichkeiten für eine Umsetzung derartiger Projekte existieren bereits. Woran es noch fehlt, ist der regulatorische Rechtsrahmen für die Gasnetzbetreiber. Hier sind noch Gespräche auf Landesund Bundesebene zu führen.

»Wir sehen eine Hauptaufgabe als Netzbetreiberin in Berlin und Brandenburg darin, die Kapazitäten von in Brandenburg produziertem Strom aus Windkraft- und Fotovoltaikanlagen der Energiesenke in der Hauptstadtregion zugänglich zu machen.«

Wo sehen Sie als Gasverteilnetzbetreiber Ihre Aufgaben im Bereich Power-to-Gas?

Die Nutzung der Power-to-Gas-Technologie durch die Gasnetzbetreiber und hier auch insbesondere durch die Gasverteilnetzbetreiber kann die Fragen der Speicherung und des Transports von erneuerbar erzeugtem Überschussstrom beantworten. Wir sehen eine Hauptaufgabe als Netzbetreiberin in Berlin und Brandenburg darin, die Kapazitäten von in Brandenburg produziertem Strom aus Windkraft- und Fotovoltaikanlagen der Energiesenke in der Hauptstadtregion zugänglich zu machen. Dieses Vorhaben ist ökologisch sinnvoll und macht Abschaltungen von Windkraft- und Fotovoltaikanlagen in Zeiten zu geringer Stromabnahme überflüssig.

Ziel der Energiewende ist die Dekarbonisierung der Energieversorgung. Aktuell ist in diesem Zusammenhang das Thema Kohleausstieg sehr präsent. Wird oder muss es irgendwann auch einen Ausstiegspfad aus fossilem Erdgas geben?

Erdgas als fossiler Energieträger wird langfristig im Rahmen der Dekarbonisierung der Energieversorgung aus dem Markt genommen werden. Die Betonung liegt hier aber bewusst auf langfristig. Aufgrund des geringeren Emissionsanteils an schädlichen Klimagasen im Vergleich zu Kohle und Erdöl bietet Erdgas auf lange Frist als Substitutionsenergieträger unterstützende Potenziale für die angestrebte Energiewende. Man muss Erdgas als Brückentechnologie auf dem Weg in die dekarbonisierte Energiezukunft begreifen.

gat | wat-Programmhinweis

Mittwoch, 24. Oktober 2018 | 15:10 - 16:10 Uhr
Sektorenkopplung als Schlüssel zur Energiewende

Diskussion: Klimaschutz durch infrastrukturelle Sektorenkopplung

  • Stefan Kapferer, Hauptgeschäftsführer Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V.
  • Frank Peter, Stellvertretender Direktor Agora Energiewende
  • Dr. Peter Röttgen, Geschäftsführer Bundesverband Erneuerbare Energien e.V.
  • Werner Diwald, Vorsitzender des Vorstandes Deutscher Wasserstoff- und Brennstoffzellenverband e.V.
  • Maik Wortmeier, Vorsitzender der Geschäftsführung NBB Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg mbH & Co. KG

Das vollständige gat | wat-Programm finden Sie hier.