Technik

Power-to-Gas ist notwendiger Bestandteil der Energiewende

ONTRAS

Ralph Bahke ist Geschäftsführer der ONTRAS Gastransport GmbH und verantwortet den Bereich Steuerung und Entwicklung. Seit 2012 ist er Vorstandsvorsitzender der Vereinigung der Fernleitungsnetzbetreiber Gas e.V. (FNB Gas). Im Jahr 2011 wurde Ralph Bahke zudem in den Energiebeirat des Freistaates Sachsen berufen.

Herr Bahke, ONTRAS setzt sich stark für grüne Gase, wie z. B. Wasserstoff ein. Wie gut können Ihre Netze heute schon Wasserstoff & Co?

Der Anteil an grünen Gasen liegt im ONTRAS-Netz aktuell bei durchschnittlich einem Prozent. Insgesamt speisen 22 Biogasanlagen an unserem Netz etwa 17 Prozent des deutschlandweit eingespeisten Biomethans ein. In manchen Regionen ist die Einspeisung von Biomethan dabei so hoch, dass einzelne Städte fast gänzlich mit grünem Gas versorgt werden. Auch viele CNG-Tankstellen bieten bereits 100 Prozent Biomethan an. Was die Einspeisung von Wasserstoff betrifft, kann unsere Gasinfrastruktur schon heute weitgehend problemlos 10 Prozent Wasserstoff verkraften. Die Gasbranche lotet derzeit noch die anzupeilende Wasserstoffverträglichkeit in den Netzen im Jahr 2030 aus. Ich rechne jedoch fest mit einem Wert von ca. 25 Prozent. Auch bin ich zuversichtlich, dass wir bis 2030 einen Anteil von grünen Gasen in den Netzen sehen, der sehr nah an diesen Grenzwert heranreicht. Natürlich machen solche Anteile an Wasserstoff auch technische Anpassungen erforderlich, z. B. bei der Gasmessung. Derzeit begrenzen jedoch europäische Regularien und wasserstoffsensible Anwendungen den Wasserstoffanteil im Netz.

Im Projekt „going green“ haben Sie sich zum Ziel gesetzt, bis 2050 eine CO2-neutrale Gasversorgung zu erreichen. Heißt das, ab 2050 werden Sie kein fossiles Erdgas mehr transportieren, sondern nur noch grüne Gase?

Wir werden auf jeden Fall unseren Beitrag durch einen CO2-neutralen Gastransport leisten, um unsere Vision going green in die Realität zu überführen. Natürlich können wir dieses Ziel erst einmal für uns definieren – sollte es in gut 30 Jahren noch fossile Erdgasmengen geben, die transportiert werden müssen, werden wir dies auftragsgemäß auch dann noch tun. Aber wir streben z. B. mit unseren europäischen Partnern in der Green Gas Initiative die Klimaneutralität der Gasversorgung bis 2050 an.

Das deutsche Gasnetz ist eng mit dem europäischen Gastransportsystem verknüpft. Sind auch unsere europäischen Nachbarn bereit für grüne Gase in ihren Netzen?

Wie in vielen anderen Bereichen fährt Europa auch hier noch mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Der Weg muss an vielen Stellen erst noch geebnet werden, um europaweit einheitliche Bedingungen für grüne Gase, deren Definition und deren grenzüberscheitenden Transport zu schaffen. Das Gas, das an den Grenzübergangspunkten nach Polen oder Tschechien fließt, enthält heute noch keinen Wasserstoff. Biomethan verliert mit Überschreiten der Landesgrenze sein Zertifikat und damit regulatorisch seine regenerativen Eigenschaften.

In Deutschland sind wir mit der Wasserstoffidee zumindest schon in der Pilotphase. Das Umsetzen der Wasserstoffprojekte aus dem Abschlussbericht der Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung wird ein weiterer Schritt sein, um die Technologie zur Markttreife zu entwickeln, beispielsweise mit dem Wasserstoff-Referenzkraftwerk in der Lausitz, bei dem ONTRAS als Netzbetreiber aktiv mitwirken will. Derartige Reallabore werden sicherlich die Forschung und Entwicklung gerade in den heutigen Braunkohlerevieren voranbringen und die eigentliche Umstrukturierung vorbereiten. Auch in den Ländern der Partner der Green Gas Initiative, besonders den Niederlanden, Frankreich und Dänemark sowie der Schweiz, nutzt man bereits Biomethan und bereitet sich ebenfalls auf weitere grüne Gase vor. Frankreich will z. B. seine Biomethanproduktion bis 2030 auf 90 TWh hochfahren.

 

Welche Rolle wollen Sie als Gasnetzbetreiber bei der Sektorenkopplung mit Power-to-Gas übernehmen? Ergeben sich für Sie hier neue Geschäftsmodelle?

Die Hauptaufgabe von ONTRAS bleibt der sichere, bedarfsgerechte und zuverlässige Gastransport. In punkto Sektorenkopplung liegen weitere Aufgaben vor allem in der Vorbereitung unserer Infrastruktur für Power-to-Gas: Als kompetenter Fernleitungsnetzbetreiber ermöglichen wir bereits heute die Einspeisung von Wasserstoff ins Erdgasnetz. Denkbar ist, dass wir künftig sowohl Wasserstoff, ggf. auch als Zumischung zum Erdgas, in unserem Netz transportieren als auch neue, separate Wasserstoffnetze aufbauen und betreiben. Im Mobilitätssektor bauen und betreiben wir über unsere Tochter MoviaTec GmbH CNG-Tankstellen, möglich wären perspektivisch auch LNG- und vor allem Wasserstofftankstellen. Natürlich sind wir bereit, auch weitere Verantwortung zu übernehmen, um der Sektorenkopplung zum Erfolg zu verhelfen. Denkbar ist beispielsweise der Betrieb von Power-to-Gas-Anlagen als Konvertierungsdienstleistung, wenn der Markt es selbst nicht leisten kann. Hierfür ist allerdings eine Anpassung des Regulierungsrahmens notwendig.

Ist Power-to-Gas eine Konkurrenz zur direkten Stromnutzung oder eine Ergänzung?

Weder noch. Power-to-Gas als Technologie ist aus Sicht von Experten und der Ergebnisse verschiedener Studien ein notwendiger Bestandteil der Energiewende, ohne den sie nicht funktionieren würde. Nur Power-to-Gas bietet die Flexibilität, durch Speicherung und Bereitstellung in den Endanwendungen sowie bedarfsweise Rückverstromung auch über lange Zeiträume die benötigte Menge an erneuerbarer Energie bereitzustellen. Eine ganzheitliche Betrachtung des Energiesystems führte in mehreren aktuellen Studien zum Ergebnis, dass gerade die Integration von erneuerbarer Stromerzeugung einerseits und Power-to-Gas und grünen Gasen andererseits unter Nutzung der vorhandenen Gasinfrastruktur eine wesentlich preiswertere und damit akzeptablere Alternative gegenüber einem nur-Strom-Szenario mit Power-to-Gas als Backup darstellt. Die Einsparungspotenziale liegen bei bis zu 400 Milliarden Euro bis 2050.

Medienberichten zufolge will der Bund in Regionen mit starkem Ausbau des Stromnetzes, wie z. B. in einigen norddeutschen Bundesländern, keine Power-to-Gas-Anlagen fördern, um stranded investments zu verhindern. Welche Standorte bzw. Regionen halten Sie für sinnvoll, um dort Power-to-Gas-Anlagen zu installieren?

Power-to-Gas-Anlagen sind dort sinnvoll, wo es Konvergenzen zwischen Strom- und Gasnetz gibt und sich die Wind- und Solarstromerzeugungsanlagen in der Nähe befinden. Will ich aus dem damit erzeugten grünen Wasserstoff z. B. Methan synthetisieren, empfiehlt sich auch die Nähe einer Biogasanlage als Quelle für die dafür benötigten CO2-Mengen. Beim Zumischen von reinem Wasserstoff ins Gasnetz sollte ein ganzjährig ausreichend hoher Volumenstrom zum Abtransport des Gases zur Verfügung stehen. Angesichts von Atom- und Kohleausstieg wird der Bedarf für erneuerbare Energien und Gase steigen, ebenso wie die Anforderungen an die Gasinfrastruktur, diese zunehmend erneuerbaren Mengen auch zu transportieren. Wie man hier von stranded assets sprechen kann, erschließt sich mir nicht. Wir müssen den Blick auf das Energiesystem der Zukunft richten – in dem sind Power-to-Gas-Anlagen unverzichtbar.

Die Gasbranche macht die aktuellen gesetzlichen Rahmenbedingungen dafür verantwortlich, dass Power-to-Gas nicht wirtschaftlich zu betreiben sei. Was muss sich ändern?

Die Smaragd-Studie des DVGW vom vorigen Jahr kommt zu dem eindeutigen Schluss, dass die wirkungsvollste Förderung für einen schnellen Markthochlauf der Power-to-Gas-Technologie eine Quote für grüne Gase wäre, neben der Einstufung als systemdienliche Energiewandlungsanlage und damit der Befreiung von allen heute noch zu leistenden Erzeuger- und Verbrauchsabgaben. Zudem nennt diese Studie noch zahlreiche weitere Stellschrauben, die jedoch in ihrer Gesamtwirkung weniger Effekt zeigen als eine Quotenregelung.

Ist das energiepolitische Dreieck aus Nachhaltigkeit, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit noch zeitgemäß oder müssen sich die Gewichtungen zugunsten des Klimaschutzes verschieben?

Mit grünen Gasen und Power-to-Gas werden wir dem Zieldreieck optimal gerecht, ohne dass der Klimaschutz leidet. Im Gegenteil: Das Einhalten der Klimaschutzziele von Paris, optimal das maximal +1,5-Grad-Ziel für 2050, ist sogar unbedingte Voraussetzung für unser favorisiertes grüne Gase-Szenario. 

Welche Rolle könnten Power-to-Gas und grüne Gase für den Strukturwandel im Zuge des Kohleausstiegs spielen?

Die Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung hat den Wert von Gas und Gasinfrastruktur für die Energiewende erkannt. Diese Bedeutung würdigt sie entsprechend in ihrem Abschlussbericht. Power-to-X, Synthesegase und erneuerbarer Wasserstoff sollen eine entscheidende Rolle bei der Umstrukturierung der Kohleregionen übernehmen. Gasinfrastruktur und grüne Gase sind nunmehr ein anerkannter Bestandteil der Energiewende. Gaskraftwerke sollen Kohlekraftwerke ersetzen, CNG- und Wasserstoffmobilität soll die E-Mobilität ergänzen und Power-to-Gas als Schlüsseltechnologie für grüne Gase und saisonaler Speicher für erneuerbaren Strom zur Verfügung stehen. Den Menschen in den heutigen Kohlerevieren eröffnen sich damit neue Perspektiven. Sie können weiterhin an der regionalen Wertschöpfung teilhaben. Eine Region wie die Lausitz kann dabei durch erfolgreiche Grundlagenforschung und Innovationen bei diesen Technologien europäische Bedeutung erlangen. Die Kommission hat dazu eine ausführliche Liste mit rund 200 Projekten vorgeschlagen und plädiert für die Erweiterung und Neuansiedlung der dafür benötigten Forschungseinrichtungen. Durch die vorgesehenen Fördermaßnahmen können die Regionen die neuen Technologien zur Marktreife bringen und ihnen damit zum Durchbruch verhelfen. Die Fernleitungsnetzbetreiber stehen als fachkundige Partner bereit. Wir können die dafür notwendige Entwicklungsarbeit begleiten und in Projekten und Reallaboren wie dem angesprochenen Wasserstoff-Referenzkraftwerk aktiv vorantreiben.

Herr Bahke, wir danken Ihnen für das Gespräch.