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Aus der Vergangenheit lernen: Umgang mit extremer Trockenheit

ESA/NASA – Alexander Gerst

Wie trocken Europa im Sommer 2018 war, zeigt dieses Foto, das der ESA-Astronaut Alexander Gerst von der ISS aus aufgenommen hat. Die französische Hauptstadt Paris, umgeben von ausgedörrten, braunen Feldern – so sah es vielerorts in Europa aus.

2018 war das wärmste und sonnigste Jahr in Deutschland seit Beginn der regelmäßigen Messungen. Auch gehörte es zu den niederschlagsärmsten Jahren seit 1881. Von April bis November verliefen alle Monate ausnahmslos zu warm, zu trocken und sonnenscheinreich. Das meldete der Deutsche Wetterdienst (DWD) Anfang Ende Dezember 2018 nach ersten Auswertungen der Ergebnisse seiner rund 2.000 Messstationen. Doch nicht nur hierzulande stand das Jahr 2018 ganz im Zeichen extremer Trockenheit. Wald- und Feldbrände, Probleme mit der Trinkwasserversorgung und erhebliche Ernteausfälle – weite Teile Europas waren von der Dürreperiode betroffen.

In Reaktion auf die Dürre fordern Naturschutzverbände und Klimaforscher einen Kurswechsel in der Agrarpolitik und eine bessere Anpassung der Landwirtschaft an Wetterextreme. Hier könnte ein Blick in die Vergangenheit helfen, wissen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Tübinger Sonderforschungsbereichs (SFB) RessourcenKulturen. Sie erforschen, wie Agrargesellschaften in der Vergangenheit gelernt haben, mit Hitze und Trockenheit umzugehen und trotzdem erfolgreich zu wirtschaften.

Ein Beispiel für eine Kulturlandschaft, die bereits seit Jahrtausenden mit niederschlagsarmen Sommern zurechtkommt, sind die Dehesas im Süden der Iberischen Halbinsel. Deren Entstehung und Nutzung analysiert ein Forscherteam aus Ethnologen und Archäologen um den Sprecher des SFB RessourcenKulturen, Professor Martin Bartelheim. Charakteristisch für die Dehesas sind Haine aus Eichen und Olivenbäumen, die hier bereits vor etwa 2.800 bis 4.000 Jahren angelegt wurden und in diesem Zeitraum sämtliche Klimaveränderungen überstanden haben. Seit der Bronzezeit grasen einheimische Nutztierrassen, wie Ibérico-Schweine, Merino-Schafe oder Retinta-Ziegen und -Kühe in den Dehesas. Tiere und Landschaft sind ideal an die klimatischen Bedingungen angepasst. Während die Bäume dafür sorgen, dass der wenige Regen, der in Andalusien und der Extremadura fällt, langsam ins Grundwasser sickern kann und nicht sofort verdunstet, verhindern die Weidetiere ein Zuwuchern der Kulturlandschaft mit Sträuchern und Gebüsch, was der Gefahr von Waldbränden vorbeugt.


Auf den italienischen Inseln Linosa und Pantelleria untersuchen die Archäologen Dr. Frerich Schön und Hanni Töpfer über 100 Wasserzisternen und legen diese teilweise frei. Die Zisternen mit einer Größe zwischen 5 und 100 Kubikmetern wurden von punischen Siedlern ab dem 8. Jahrhundert vor Christus in den Fels gehauen und unter römischer Herrschaft nochmals erweitert – eine wichtige Lösung, um den mühseligen Transport von Wasser zu erleichtern, vor allem in Gebieten, die über wenig Grundwasser verfügen. Unterirdische Zisternen sind relativ einfach zu unterhalten und speichern Wasser an einem kühlen und sauberen Ort, was einer Belastung des Wassers mit Bakterien vorbeugt. Bei starken Regenfällen verhindern sie außerdem Bodenerosion, indem sie überschüssiges Wasser sammeln. Einige der unterirdischen Trinkwasserspeicher auf Linosa und Pantelleria versorgen die Inselbevölkerungen bis heute mit Wasser.

Auch die Auswirkungen von anhaltender Wasserknappheit auf die betroffenen Gesellschaften werden von den Tübinger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erforscht. So untersucht die Historikerin Dr. Laura Dierksmeier die ökonomischen und sozialen Auswirkungen von Wassermangel in Inselgesellschaften des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Gerade Inseln weisen oft einen Mangel an Quellen, Flüssen und Grundwasser auf und sind dadurch besonders anfällig für Wasserknappheit. Dabei konnte Dierksmeier einen deutlichen Zusammenhang zwischen Einkommensniveau und dem Zugang zu sauberem Trinkwasser feststellen. Auf den Kanaren und Balearen führte das zu sozialen Spannungen, Konflikten und Kriminalität. Krankheiten brachen aus, da Wasser für die Sauberhaltung von Krankenhäusern und die persönliche Hygiene fehlte, was vor allem Kinder und ältere Menschen traf. Um diese Auswirkungen abzumildern, wurden Wasserkontingente an Privatpersonen verkauft. Dies sollte ursprünglich dafür sorgen, dass die knappe Ressource bei denen landete, die sie am meisten benötigten, startete aber einen irreversiblen Prozess. Denn so wurde aus dem öffentlichen Gut nach und nach eine Ware, die an den Meistbietenden versteigert wurde.

Um die Besitzverhältnisse von Wasser zu klären, die Qualität zu überprüfen und Verschmutzer zu bestrafen, wurde auf diesen Inseln eine Wasserpolizei eingeführt. Außerdem bildeten sich akademische Gesellschaften, wie die Sociedad de Amigos del País, die über die bestmögliche Verwaltung von Wasserressourcen debattierten, die Einrichtung von Nebelfängern und Techniken wie das Sammeln von Schmelzwasser und die Meerwasserentsalzung erforschten, um den Anteil des verfügbaren Wassers zu erhöhen.

„Wassermangel ist ein Problem, für das es eine Vielzahl historischer Beispiele gibt“, sagt Dr. Laura Dierksmeier. „Aber, wie die Geschichte zeigt, gibt es mindestens genauso viele Lösungen. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit kann somit gute Ansätze für die Zukunft liefern.“ Denn die Ressource Wasser ist ein wichtiger Faktor, dessen Verfügbarkeit und gerechte Verteilung nicht zuletzt über sozialen Frieden und Kooperation entscheidet.