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Süßwasserquellen im Meer - die unsichtbare Wasserressource

Till Oehler, Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung

Süßwasserquellen im Meer, wie diese hier vor Lombok in Indonesien, werden häufig als Trinkwasserressource genutzt. Das Süßwasser im Wasserauge hat eine geringere Dichte als das Meerwasser.

Von der portugiesischen Algarve bis zum deutschen Nordseestrand: Weltweit sprudeln submarine Süßwasserquellen. Die Wissenschaft hat ihnen bisher kaum Beachtung geschenkt. Dabei machen sie Schätzungen zufolge bis zu 10 Prozent der Wassermenge aus, die von den Flüssen ins Meer eingetragen wird.

Vielfach wurden und werden die Quellen als Trinkwasser genutzt. In Peru wird Wasser auch heute noch aus submarinen Quellen in Lastwagen gepumpt und an Land verteilt, in Griechenland für die Bewässerung von Feldern genutzt.

Doch trotz ihrer wichtigen Rolle sind auch submarine Quellen inzwischen bedroht – häufig führt Brunnenbau an Land zu ihrem Versiegen. Andernorts verschmutzen ungeklärte Abwässer und Rückstände aus der Landwirtschaft das Quellwasser. Darunter leiden nicht nur die Menschen, die die Quellen zum Trinken nutzen, sondern auch Küstenökosysteme wie Korallenriffe, die in ihrer Nähe wachsen.

von: Dr. Nils Moosdorf, Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie (ZMT), Bremen

Submarine Quellen, aus denen Grundwasser direkt ins Meer fließt, sind ein besonderes Naturphänomen, das in der Wissenschaft erst seit einigen Jahren Beachtung findet. Ihr Nutzen und kultureller Wert sind für viele Küstenbewohner allerdings beträchtlich. Die Quellen wurden und werden auch heute noch in vielen Gegenden der Welt als Trink- und Brauchwasser genutzt, sie stehen im Ruf, Fischerei positiv zu beeinflussen, und sie können sogar eine spirituelle Bedeutung haben. Es ist beispielsweise dokumentiert, dass auf der Insel Bahrein Taucher mindestens noch bis in die 1940er-Jahre in einigen Metern Meerestiefe an submarinen Quellen Süßwasser in Schläuchen abgefüllt und an Land verkauft haben. Heute noch ist vor Lombok, Indonesien, eine Quelle im Meer bekannt, an der die lokale Bevölkerung mit dem Boot Trinkwasser holt. Und auch in Peru wird Wasser aus submarinen Quellen in Lastwagen gepumpt und an Land verteilt. Auf Fidschi greift die Bevölkerung auf submarine Quellen zurück, wenn die zentrale Wasserversorgung zusammenbricht. Selbst Alexander von Humboldt hat schon von einer solchen Quelle vor Kuba berichtet, an der Schiffe, die nicht in den Hafen einlaufen wollten, ihre Wasservorräte auffüllen konnten.
 


Historisch besonders interessant ist die Insel Henderson Island, vor der die Besatzung des englischen Walfangschiffes Essex nach ihrer Havarie durch einen Wal dringend benötigtes Wasser an einer submarinen Quelle gefunden hat. Wohl nur aufgrund dieser Quelle konnten einige Mannschaftsmitglieder überleben, die später dem amerikanischen Schriftsteller Herman Melville davon berichteten. Dessen berühmter Roman Moby Dick beruht auf ihrer Geschichte.

Auf Inseln steht Trinkwasser oft vor allem in Form von Regenwasser zur Verfügung, das in Zisternen gesammelt wirdm. Das ist zu kostbar für alles andere – zum Waschen steigt man vielerorts also in die Süßwasserquellen am Strand. Auch auf der Hallig Langeness wurde bis ins 19. Jahrhundert eine submarine Quelle genutzt, die nur bei Ebbe zugänglich war. Bevor die Hallig an die landseitige Wasserversorgung angeschlossen wurde, konnte in Zeiten der Dürre das gespeicherte Regenwasser schon mal knapp werden, und die Rinder wurden an der submarinen Quelle getränkt.

Auch indirekt werden submarine Quellen genutzt. Fischer und Sporttaucher berichten, dass um solche Quellen herum eine große Artenvielfalt an Fischen zu finden ist. Quellen wie jene in Vrulja, Kroatien, oder La Source in Tahiti sind unter Tauchern deshalb als spannende Tauchreviere bekannt. Fischer in Regionen mit submarinen Quellen kennen sie oft und halten sie geheim, um einen besonders ertragreichen Fanggrund nicht teilen zu müssen. In Japan und Irland gedeihen Austern in der Nähe von submarinen Quellen besonders gut – sie lieben die Nährstoffe, die das Grundwasser dort mit sich bringt.

Darüber hinaus hat Frischwasser, das einfach so im Meer sprudelt, etwas Magisches und daher vielerorts eine spirituelle Bedeutung. Im alten Griechenland zum Beispiel wurden dem Meeresgott Poseidon Pferde an einer solchen Quelle bei Argos geopfert. Heute wird sie von einem Damm im Meer eingefasst und zur Bewässerung verwendet. Auf Bali pilgern jedes Jahr zwei Millionen Menschen zum Tempel Tanah Lot, der auf einer submarinen Quelle errichtet wurde. Der Legende nach hat ein magisches Wesen die Quelle vom Land in den Ozean versetzt. Um jenes Wesen zu ehren, wurde der Tempel errichtet.

Wie stark submarine Quellen die Kultur prägen können, sieht man teils schon an den Namen der Orte, wo sie vorkommen. Olhos de Agua – Wasseraugen – heißt ein beliebter Urlaubsort an der portugiesischen Algarve. Wenig überraschend sprudeln dort am Strand Süßwasserquellen. Auch im italienischen Tarent erkennt man die kulturelle Bedeutung der submarinen Quellen an einem Wort. Sie werden dort Citri genannt. Dieses Wort entstammt aber nicht dem Italienischen, sondern dem Griechischen. Es deutet darauf hin, dass die Quellen schon bekannt waren, als Tarent noch eine Kolonie Spartas war.

Wer selber submarine Quellen sehen möchte, kann ins Sahlenburger Watt bei Cuxhaven fahren. Dort sprudeln sie am südlichen Ende des Strandes. Auf Mallorca gibt es mehrere Küstenabschnitte, an denen Schwimmer im warmen Meer plötzlich in eine kalte Strömung geraten. Das ist oft Grundwasser aus submarinen Quellen, das im Sommer dort deutlich kälter als ist das Meerwasser.
 


Mittlerweile sprudeln die Citri in Tarent leider nicht mehr. Seit eine neue Hafenmauer gebaut wurde, sind sie nicht mehr zu sehen. Auch in Bahrein sind die submarinen Quellen versiegt. Dort wird an Land inzwischen so viel Grundwasser abgepumpt, dass es nicht mehr ins Meer fließt. Und auch der Meeresspiegelanstieg wird Einfluss nehmen auf die hydraulischen Bedingungen an den Küsten, die für ein Fortbestehen von submarinen Grundwasserquellen notwendig sind. Um über die Folgen eindeutige Aussagen machen zu können, ist jedoch nicht genug über dieses oft unsichtbare Naturphänomen bekannt.

Literatur
Moosdorf, N., & T. Oehler: Societal use of fresh submarine groundwater discharge: An overlooked water resource. Earth-Science Reviews (2017). https://doi.org/10.1016/j.earscirev.2017.06.006 


Über den Autor

Dr. Nils Moosdorf ist Leiter der Nachwuchsgruppe Submariner Grundwasserabfluss am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie (ZMT) in Bremen.

Tel.: 0421 23800-33
E-Mail: nils.moosdorfleibniz-ZMTde
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