Wissen

Wandel von Technik und Arbeitswelt

TU Darmstadt

Im Lehr-Lernlabor der TU Darmstadt wird die Entwicklung, Erprobung , Umsetzung und Evaluation von berufsbezogenen Unterrichtssituationen erforscht und erprobt.

von: Prof. Dr. Ralf Tenberg, Technische Universität Darmstadt

Wenn man heutzutage vom digitalen Wandel spricht, entsteht der Eindruck, dieser sei ein Effekt der letzten Jahre. Wie jeder über 30-jährige weiß, ist dies nicht richtig, denn er begleitet unser privates wie berufliches Leben seit mehreren Jahrzehnten. Spätestens Ende der 1990er-Jahre explodierten die Speicher- und Prozessoren-Leistungen, PCs wurden multimedial, CNC, CAD und CIM zum industriellen Standard, das Internet war da und mit ihm die Vernetzung der Welt, parallel dazu die Mobiltelefonie, dann die Smartphones, neue mobile Endgeräte, Web 2.0 usw., bis zum heutigen Stand mit totaler Automatisierung, kollaborativer Roboterisierung, Smartisierung usw. Als vor einigen Jahren auf der Hannover Messe die Industrie 4.0 ausgerufen wurde, war dies keine epochale Feststellung einer technisch-produktiven Grenzüberschreitung. Es war letztlich nur so etwas wie ein Wachruf an Industrie, Handwerk und Wirtschaft, dass die Digitalisierung einen Status und eine Dynamik erreicht haben, die das Bisherige deutlich übertreffen.

Kernbotschaft der Industrie 4.0 ist also nicht „Wir sind in einer neuen industriellen Epoche“, sondern „Wir befinden uns in einer ungekannten technisch-produktiven Dynamik, die viele unbekannte Chancen aber auch Gefahren birgt“. Zieht man Vergleiche zu ähnlichen Prozessen, wäre hier die Früh-Industrialisierung zu nennen, die mit der Dampfmaschine eingeleitet wurde und sich über ein Jahrhundert erstreckte, oder die Automatisierung, die in der Nachkriegszeit schon begann und immer noch anhält. Was hier aber in vielen Jahrzehnten verändert wurde, vollzieht sich in der aktuellen Dynamik in wenigen Jahren.

Heutige Smart Factories sind vollautomatisierte Produktionszentren, in denen in Losgröße-Eins-Fertigung Hightech-Produkte hergestellt und distribuiert werden, bei welchen zwischen Dimensionierung und Versand keine Menschenhand mehr eingreifen muss. In Verbindung mit einer Smart Economy, in welcher sich zwischen Kundeninteressen und Produkten neue datengestützte Vermarktungsformate entwickeln und Informationen zum Rohstoff werden, entstehen absehbar technisch-ökonomische Dynamiken ungekannten Ausmaßes.

So klar und konkret ein technischer Wandel nachgezeichnet werden kann, so diffus stellt sich dies bei dessen produktiver Umsetzung dar, denn diese verteilt sich auf unzählige Teilbereiche unserer Wirtschaft (Industrie, Handwerk, Dienstleistung, etc.) und ist zudem verknüpft mit anderen Megatrends wie Globalisierung, demografischem Wandel oder Akademisierungstrend. Im Falle der Digitalisierung kommt hinzu, dass sich diese Technologie nicht auf den unmittelbaren Tätigkeitsvollzug eingrenzen lässt. Gegenteilig verändert sie auch alles, was hinter oder über diesem stattfindet (Marketing, Sales, Aftersales, ..., Führung, Controlling, Strategie, ...), sodass sich hier ein komplexes Gefüge aus Wechselwirkungen ergibt, das sich – je nach spezifischer Einzelsituation – relativ einfach oder auch sehr komplex darstellen kann. Am klarsten zeichnet sich der arbeitsorganisatorische Wandel dort ab, wo Smart Factories oder kollaborative Mensch-Roboter-Arbeitsplätze unmittelbar geschaffen werden.

„Problemlösungstätigkeiten nehmen zu und dies generell mit einem wachsenden Anspruch an Wissensarbeit.“

Wenn man vor Ort mit denjenigen spricht, die diesen Wandel ausgelöst haben und vorantreiben, erfährt man als gute Nachricht, dass nur in den seltensten Fällen Arbeitsplätze verloren gehen, in einigen Fällen werden diese aber verlagert. Die Facharbeiter*innen arbeiten kaum mehr in den Produktionen, sondern hinter diesen. Dies bedingt eine qualitative Anreicherung der Arbeit, denn typische Routinetätigkeiten fallen weg, stattdessen nehmen Problemlösungstätigkeiten zu und dies generell mit einem wachsenden Anspruch an Wissensarbeit. Im Zentrum der Kombination aus Problemlösung und Wissensarbeit steht die eigenständige Akquise, Analyse, Verifizierung, Reduktion, Aktivierung und Reflexion von Informationen in beruflichen Problemzusammenhängen. Dieser Anspruch wird ausgelöst durch die smarten Technologien, die einerseits für Facharbeit weniger zugänglich sind, sich andererseits aber selbst überwachen.

Das Potenzial der Facharbeiter*innen besteht nun darin, sich nicht von neuen oder neuartigen mechanischen oder elektronischen Segmenten abschrecken zu lassen, sondern diese auf Basis des eignen Know-hows und der eigenen Erfahrungen zunächst zu erschließen, dann dessen Informationen aufzunehmen und umzusetzen, sodass ein adäquater Zielzustand erreicht werden kann. Dies erfordert mechatronische Kernkompetenzen, die sich in allen Bereichen technischer Facharbeit etablieren werden, wie das Ein- und Auslesen von Daten, basales Programmieren, Schaltlogik und -algebra sowie Datennetze und Bussysteme. Auch der überfachliche Bereich ist hier mit einzubeziehen, da Informationsmanagement auch soziale Interaktion bedingt, speziell dann, wenn persönliche Verifizierungen erforderlich sind oder man sich in Teams koordinieren muss, um komplexe Prozesse effektiv und effizient handzuhaben. Lernen wird zum Alltag und wird sich zentral auf das Individuum verlagern, sodass die Bedeutung der Korrespondenz von Lernmotivation und Lernkompetenzen mit der Digitalisierung weiter zunehmen wird.

„Die Gas- und Wasserversorgungswirtschaft sollte ihre aktuellen Technologieentwicklungen konkretisieren, die anstehenden antizipieren und darauf bezogen innovative Aus- und Weiterbildungskonzepte erproben.“

Aus- und Weiterbildung kann hier nur mithalten, wenn sie diese Schwerpunkte versteht und adressiert und sich zudem unmittelbar bei den neuen Technologien positioniert. Da absehbar nicht davon auszugehen ist, dass neue Berufe oder Ausbildungspläne hier mithalten werden, sind hierzu Aktivitäten auf niedrigerer Ebene erforderlich, also im Rahmen von Berufsgruppen, bzw. -verbünden, Handwerken oder auch Betriebsverbünden. Einen solchen Verbund können die Stadtwerke und Versorgungsunternehmen der Gas- und Wasserversorgungswirtschaft bilden, indem sie ihre aktuellen Technologieentwicklungen konkretisieren, die anstehenden antizipieren und darauf bezogen innovative Aus- und Weiterbildungskonzepte erproben. So können sie den anstehenden Wandel gemeinsam mit der nachkommenden Generation gestalten, indem sie dessen Attraktivität und Chancen fokussieren, anstatt vor seinen Problemen und Risiken zu erstarren.

Über den Autor:
Prof. Dr. Ralf Tenberg ist Dekan für Studium und Lehre des Fachbereichs 3: Humanwissenschaften und Leiter des Arbeitsbereichs Technikdidaktik an der Technischen Universität Darmstadt.

Tel.: 06151 1623950
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