Wissen

Weltweite Wasserprobleme mit Hilfe der Natur lösen

hankimage9 - Fotolia.com

Klimawandel, Bevölkerungswachstum und steigender Konsum erfordern neue Lösungen für die Wasserbewirtschaftung.

Jedes Jahr am 22. März rufen die Vereinten Nationen zur Unterstützung des Weltwassertags auf, dieses Jahr unter dem Motto Nature for Water. Damit wird auf die Bedeutung und Notwendigkeit naturbasierter Lösungen aufmerksam gemacht. Gemeint sind von der Natur inspirierte und unterstützte Formen der Wasserbewirtschaftung, die natürliche Prozesse nutzen oder diese imitieren. Dazu gehören z. B. Wiederaufforstung, die Nutzung von Feuchtgebieten und gezielte Grundwasseranreicherung. „Für eine nachhaltige Wasserbewirtschaftung brauchen wir Reformen und Innovationen. Wir müssen dabei auch natürliche und naturähnliche Prozesse viel stärker als bisher nutzen. Zwar sind die Investitionen in naturbasierte Lösungen zuletzt stark angestiegen, sie machen aber immer noch weit unter 1 Prozent der Investitionen in die Wasserbewirtschaftung aus. Das muss sich ändern“, fordert Ulla Burchardt, Vorstandsmitglied der Deutschen UNESCO-Kommission.

Natur bietet Lösungen für Hunger-, Wasser- und Umweltprobleme

Auch die Autoren des Weltwasserberichts 2018 weisen auf die zentrale Bedeutung naturbasierter Lösungen für die Umsetzung der Globalen Nachhaltigkeitsagenda hin. So könnten durch entsprechende Maßnahmen u. a. Ernteerträge signifikant erhöht, die Wasserversorgung in Städten gesichert und Risiken von Naturkatastrophen verringert werden. „Die Natur bietet Lösungen für Menschheitsprobleme – vorausgesetzt, die Menschheit versteht es, ökologische Zusammenhänge zu nutzen“, so Prof. Dr. Folkard Asch von der Universität Hohenheim. Als Beispiel nennt er die Mega-Deltas großer Flüsse: Weltweit lebten drei von sieben Milliarden Menschen vor allem von Reis als Grundnahrungsmittel.

Bislang hielten sich Bevölkerungswachstum und Produktionssteigerung halbwegs die Waage. Dies verdanke die Menschheit vor allem den fruchtbaren Böden der Flussdeltas. Dank ihnen habe die Reisproduktion in den vergangenen 25 Jahren um 50 Prozent gesteigert werden können. Aktuell betrage sie 890 Mio. Tonnen pro Jahr. „Bis 2050 benötigen wir eine weitere Steigerung um 27 Prozent. Dies lässt sich nicht ohne weitere Produktionssteigerung in den Flussdeltas bewerkstelligen“ erklärt Asch. Der Schlüssel dazu sei eine nachhaltige Intensivierung, die ökologische Zusammenhänge nutzt. Auf diese Weise ließen sich Ernährungssicherung, Armutsbekämpfung, der Zugang zu sicherem Trinkwasser und die Balance des Wasserbedarfs von Stadt und Land ins Lot bringen mit Küstenschutz und anderen Maßnahmen gegen Erosion und Versalzung.

Naturbasierte Lösungen für Wasserprobleme in Städten

Potenzial für naturbasierte Lösungen gibt es aber auch für den städtischen Raum, weiß Martin Zimmermann, Wasserforscher am ISOE - Institut für sozial-ökologische Forschung. „Städte können naturbasierte Lösungen aufgreifen, indem sie die natürlichen grünen und blauen Infrastrukturen, also beispielsweise Parks oder Grünflächen, Flüsse oder Bäche, sinnvoll mit technischen Infrastrukturen verknüpfen.“ So könne beispielsweise Niederschlagswasser in stadtnahen Teichen und Becken aufgefangen werden. Näher zum Stadtzentrum hin bietet es sich an, das Regenwasser in Zisternen und unterirdische Speicher zu leiten, um damit Gärten, aber auch Straßenbäume oder neuartige grüne Wände – vertikale, im Mauerwerk integrierte Grünflächen – und Parks zu versorgen. Die Wasserspeicherung böte sich nicht nur mit Blick auf die zunehmenden Starkregenereignisse in der Folge des Klimawandels an, so Zimmermann, sondern im Gegenzug auch für die ebenfalls häufiger werdenden Trockenperioden, in denen Städte dann nicht mehr zum Trinkwasser greifen müssten, um ihre Grünflächen zu versorgen – und ein angenehmes Klima für die Stadtbewohner zu schaffen. Die Möglichkeiten eines naturnahen urbanen Wasserkreislaufs würden stadtplanerisch bislang noch zu wenig berücksichtigt.
 


Vorsorge- und Verursacherprinzip muss umgesetzt werden

Auch die Wasserversorger in Deutschland stehen vor großen Herausforderungen. Beispiel Niedersachsen: Hier sind nicht nur mehr als sieben Millionen Einwohner von Trinkwasser abhängig, „Wasser ist Lebensgrundlage und Kraftquelle für eine dynamische und nachhaltige Wirtschaftsentwicklung“, sagt der Technische Geschäftsführer der Harzwasserwerke, Dr. Christoph Donner. „Durch den Klimawandel können wir uns nicht mehr auf stets gut gefüllte Talsperren im Harz verlassen und gleichzeitig haben wir immer weniger Wasser aus den Grundwasserkörpern. Denn die sind mit Gülle und damit Nitrat und Medikamentenrückständen belastet.“ Laut eigenen Forschungen gingen bei einer darum notwendigen Aufarbeitung dieses Wassers bis zu 30 Prozent des Trinkwassers verloren. Eine enge Kooperation mit der Landwirtschaft sei darum notwendig. Auch der DVGW blickt mit Sorge auf die Verschmutzung der Gewässer durch steigende Nitrateinträge, Spurenstoffe und Arzneimittelrückstände und fordert die Europäische Kommission und die neue Bundesregierung dazu auf, konkrete Maßnahmen auf den Weg bringen, um der zunehmenden Gewässerverschmutzung einen Riegel vorzuschieben. „Die Verursacher der Verschmutzungen sollten endlich stärker in die Pflicht genommen werden. Sonst ist das seit Jahrzehnten postulierte Verursacherprinzip am Ende nur eine leere Worthülse ohne Wirkung“, sagt der DVGW-Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. Gerald Linke.

Trinkwasser, unser Lebensmittel Nummer eins

Die Schädigung von Ökosystemen zählt zu den wichtigsten Ursachen für zunehmende Probleme bei der Wasserbewirtschaftung. Die Autoren des Weltwasserberichts 2018 fordern daher dringend, Ökosysteme weltweit zu erhalten und zu renaturieren, um dem Wassermangel nachhaltig zu begegnen. Auch deshalb wurde anlässlich des Weltwassertags 2018 von den Vereinten Nationen in New York die internationale Aktionsdekade Wasser für Nachhaltige Entwicklung 2018-2028 ausgerufen. Denn Trinkwasser ist und bleibt weltweit unser Lebensmittel Nummer eins.